SprAChrAuM 1 Digitale Lebenswelt 8 Schwarz-Weiß-Fotos hinterlassen haben. Was also bleibt von uns? Diese Frage beschäftigt mittlerweile Wissenschafter auf der ganzen Welt. „Digitales Vergessen“ nennen sie das Phänomen – das verbunden ist mit der diffusen Angst, wir könnten einem neuen, „dunklen Zeitalter“ entgegengehen. Ganz ähnlich der Zeit nach dem Untergang des Imperium Romanum, aus der Historiker kaum schriftliche Quellen haben, eine quasi ahistorische Zeit. Und eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit verloren hat, sei, so die Befürchtung, nicht fähig für eine blühende Zukunft. „Das ist ein Kulturpessimismus, den ich verstehe, aber nicht teile“, sagt dazu Holger Simon. Der Kunsthistoriker und Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen hat sich die Erhaltung unserer Kulturgüter und deren Sicherstellung in der digitalen Zeit zur Lebensaufgabe gemacht. So entwickelte er an der Uni Köln das Bildarchiv Prometheus sowie das Digitale Historische Archiv Köln. Eines bestätigt Simon aber sofort: „Die digitale Transformation verändert alles.“ Simon sieht aber nicht Gefahren, Abstieg und Kulturverlust, sondern ungeahnte Chancen: „Daten so effektiv zu speichern wie heute, das konnten wir in der Weltgeschichte noch nie. Und: Noch nie hatten wir diese unglaublichen Möglichkeiten, auf diese Riesenmenge an Daten schnell und effektiv zuzugreifen.“ Simon nennt das Beispiel eines Archivars in der antiken Bibliothek zu Alexandria. Dieser habe nie alle 500.000 Schriftrollen dort lesen oder auch nur sichten können. Und er sei machtlos gewesen, als das Gebäude samt Bestand mehrfach in seiner Geschichte ein Raub der Flammen wurde. Heute könnte besagter Archivar über Suchsysteme auf alles Wissen zugreifen. Daten würden dezentral auf Servern und Computern in der „Cloud“ gespeichert – und würden nie durch ein Einzelereignis wie Brand oder Krieg zerstört. Simons Kernthese lautet daher: „Das digitale Buch ist langlebiger als das analoge.“ Was am 3. März 2009 in Köln passierte, scheint diese These zu bestätigen: An diesem Tag stürzte das Stadtarchiv ein, eines der wichtigsten europäischen Kommunalarchive, das Stadtgedächtnis von Köln. 30 Regalkilometer an Archivmaterial wurden verschüttet. Mehr als tausend Jahre Stadt-, Regional und Kirchengeschichte lagen unter Schutt, unter Trümmern und im Wasser – Urkunden, Testamente, Handschriften, Originale von Albertus Magnus, Napoleon, Giuseppe Verdi, Heinrich Böll und vielen anderen. Es war die größte Kulturgut-Katastrophe in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Die geborgenen Bestände liegen noch immer in mehreren „Asyl-Archiven“ in Deutschland, sie werden nach und nach in ein zentrales Sammelmagazin nach Düsseldorf gebracht. Was schwerer wiegt: 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind noch Jahrzehnte damit beschäftigt, das Archivgut zu restaurieren und wieder in einen Bestandszusammenhang zu bringen. „30, 40 Jahre brauchen wir für den Abschluss der Arbeiten“, sagt Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia. „Unser Anspruch ist, dass alles, was geborgen ist, gerettet wird – und sei es als Fragment.“ Die historischen Schätze werden aber nicht nur restauriert, sondern allesamt auch digitalisiert. So sollen sie vor Unfällen und dem Zahn der Zeit geschützt werden, der an alten Quellen nagt. Außerdem wird auf diese Weise der Zugang der Bürger zu den Beständen erleichtert, da sich der Weg in die Bibliothek erübrigt. Die Digitalisierung sei ein wichtiger Schritt hin zu einem „Bürgerarchiv“, sagt Schmidt-Czaia. Ähnlich sieht man das in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). Generaldirektorin Johanna Rachinger spricht von einer „Demokratisierung des Zugangs zum Wissen“. Denn mit der Digitalisierung von historischen Quellen sei auch die Zahl der Nutzer erheblich gestiegen. „Seitdem greifen wesentlich mehr Menschen darauf zu“, sagt Rachinger. In den Lesesälen der Nationalbibliothek seien pro Tag rund 800 Personen. „Beim Projekt ,Anno‘ haben wir täglich 3000 Leser.“ „Anno“ – das ist der digitale Zeitungslesesaal der Nationalbibliothek. Mehr als 15 Millionen Seiten von Zeitungsausgaben sind dort bereits gespeichert. Das älteste Blatt, das online von jedem Ort der Welt eingesehen werden kann, stammt aus dem Jahr 1568. Die digitalisierten historischen Quellen würden künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen. „Was in Zukunft nicht online ist, wird nicht mehr wahrgenommen werden“, sagt Rachinger. In der Nationalbibliothek werden neben Zeitungen auch historische Postkarten und Bilder archiviert. Sogar das Wissen im Netz wird gesammelt: Ein Mal in zwei Jahren gibt es eine Web-Archivierung, bei der Inhalte aller Seiten der at-Domain in einer Momentaufnahme gespeichert werden. Archiviert werden überdies elektronische Publikationen – etwa EBooks oder wissenschaftliche Zeitschriften, die nur online erscheinen. Und wie lange bleibt all das erhalten? Sind digitalisierte Daten so langlebig wie Papyrus oder Pergament? „Wir gehen davon aus, dass wir die digitalen Daten langfristig archivieren können“, sagt Rachinger. „Wir denken in Ewigkeitskategorien.“ Freilich: Hier sprechen Wissenschafter, Profis in Fragen der Archivierung, die entsprechend auf staatliche Ressourcen und damit auf das Geld des Steuerzahlers zugreifen können. Ganz anders verläuft der Kampf gegen das „digitale Vergessen“, wenn ihn Menschen im Alltag führen müssen. Gewiss, ihre Hinterlassenschaften mögen nicht von historischer Bedeutung sein. Oder manchmal vielleicht doch? „Was der deutsche Soldat aus Kunduz an seine Familie mailt, wer wird das in zweihundert Jahren noch lesen können?“, fragt etwa Paul Klimpel. Der Jurist, Philosoph und Kulturmanager beschäftigt sich seit Jahren mit den Folgen der Digitalisierung für Kultur 54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 100 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 138 140 142 144 146 148 150 152 154 156 158 160 162 164 166 168 Textkompetenz Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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