Vielfach Deutsch 4, Schulbuch

Kurzgeschichten lesen und interpretieren In Kriegsgebieten werden oft ganze Landstriche bombardiert und Menschen unter den Trümmern zerstörter Häuser verschüttet. Auch literarische Texte thematisieren solche Katastrophen. Tipp Wolfgang Borchert (1921–1947): deutscher Schriftsteller, erzählt vom Leben nach Kriegsende in zerbombten deutschen Städten a) Lies die Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert. Er verfasste sie 1947, also kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges (1939–1945). b) Unterstreiche beim zweiten (!) Lesen die Schlüsselwörter. Nachts schlafen die Ratten doch Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerten zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste. Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, dass jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. „Jetzt haben sie mich!“, dachte er. Aber als er ein bisschen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor ihm, dass er zwischen ihnen hindurchsehen konnte. Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an den Fingerspitzen. „Du schläfst hier wohl, was?“, fragte der Mann und sah von oben auf das Haargestrüpp herunter. Jürgen blinzelte zwischen den Beinen des Mannes hindurch in die Sonne und sagte: „Nein, ich schlafe nicht. Ich muss hier aufpassen.“ Der Mann nickte: „So, dafür hast du wohl den großen Stock da?“ „Ja“, antwortete Jürgen mutig und hielt den Stock fest. „Worauf passt du denn auf?“ „Das kann ich nicht sagen.“ Er hielt die Hände fest um den Stock. „Wohl auf Geld, was?“ Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer an seinen Hosenbeinen hin und her. „Nein, auf Geld überhaupt nicht“, sagte Jürgen verächtlich. „Auf ganz etwas anderes.“ „Na, was denn?“ „Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.“ „Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb habe.“ Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu. „Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist“, meinte Jürgen geringschätzig, „Kaninchenfutter.“ „Donnerwetter, ja!“, sagte der Mann verwundert, „bist ja ein fixer Kerl. Wie alt bist du denn?“ „Neun.“ „Oha, denk mal an, neun also. Dann weißt du ja auch, wie viel drei mal neun sind, wie?“ „Klar“, sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: „Das ist ja ganz leicht.“ Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. „Drei mal neun, nicht?“, fragte er noch einmal, „siebenundzwanzig. Das wusste ich gleich.“ „Stimmt“, sagte der Mann, „und genau so viel Kaninchen habe ich.“ Jürgen machte einen runden Mund: „Siebenundzwanzig?“ „Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du?“ „Ich kann doch nicht. Ich muss doch aufpassen“, sagte Jürgen unsicher. „Immerzu?“, fragte der Mann, „nachts auch?“ „Nachts auch. Immerzu. Immer.“ Jürgen sah an den krummen Beinen hoch. Ü2 dösen: (im Halbschlaf) ruhig liegen das Gestrüpp: wild wachsendes dichtes Gebüsch 1 5 10 15 20 25 30 35 Fortsetzung 1 67 Inhaltsangabe und Interpretation Sprachbewusstsein Zuhören / Sprechen Schreiben Lesen 3 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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