Erzählende Texte lesen und interpretieren So kannst du literarische Texte besser verstehen: – Achte beim Lesen auf alles, was über die handelnden Personen ausgesagt wird. – Denke darüber nach, aus welchen Gründen die Figuren so handeln. – Versetze dich in Ort und Zeit der Handlung und gehe nicht einfach von deinen persönlichen Erfahrungen aus. Geschichten können ja auch in fernen Ländern und in einer anderen geschichtlichen Zeit spielen. Lest den Erzählanfang und besprecht zu zweit, was darin nicht zu eurer alltäglichen Erfahrung passt. Macht Notizen in euren Heften und lest dann im Lösungsteil die Hintergrundinformation zum Text nach. Vor ungefähr vier Wochen hat es angefangen. Ich sollte in der Vorstadt ein Pfund Nudeln abholen; das hatte uns ein Bekannter versprochen. Lies den ersten Teil des Textes Bänke. Bänke Vor ungefähr vier Wochen hat es angefangen. Ich sollte in der Vorstadt ein Pfund Nudeln abholen; das hatte uns ein Bekannter versprochen. Ich bin an der alten Kirche vorbeigegangen und dann die Straße mit den Bäumen entlang, wo die Straßenbahn links abbiegt. Die Bäume, das sind alles Linden, und sie rochen so stark, weil sie gerade blühten. Bis zu dem roten Ziegelbau war ich schon gekommen. Ich hatte gar nicht auf den Weg Acht gegeben – nur immer vor meine Füße geguckt. Da sah ich auf einmal vor mir ein Mädchen. Sie hatte ganz kleine Füße. Lange Zeit bin ich hinter ihr hergelaufen. Ich habe mir genau angeschaut, wie sie die Füße setzt und wie sie das schwere Netz trägt. Äpfel waren in dem Netz, von der schrumpeligen Sorte. Ich hätte gern einen gehabt. Wenn einer herausfällt, dachte ich, lässt du ihn verschwinden. Wie ich mir das noch so vorstelle, macht das Netz auf einmal „knack“ und der ganze Segen rollt über die Straße. Das Mädchen dreht sich herum, schlägt die Hände vor den Mund und sagt: „So ein Mist-Kriegsnetz!“ Ich habe ihr dann geholfen, die Äpfel aufzuheben. Wir haben sie in das Netz gelegt. Aber das Netz ließ sich nicht richtig flicken. Wir haben es dann zusammen bis zu ihr nach Hause getragen. Sie heißt Helga. Ihr Vater ist Soldat. Sie arbeitet in einem Kindergarten. An ihrem freien Tag war sie auf das Land gefahren und hatte selbst gestrickte Topflappen gegen die Äpfel eingetauscht. Als wir bei der Haustür angekommen waren, hat sie mich ganz freundlich angesehen und „Danke schön! Auf Wiedersehen“ gesagt. Von den Äpfeln hat sie mir einen geschenkt. Aber ich habe ihn nicht aufgegessen. Ich verwahre ihn immer noch – zur Erinnerung. Ü12 B M Ü13 Tipp Der Text handelt von der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Hauptfigur ist Friedrich Schneider, ein junger Jude (geb. 1925), der mit seinem gleichaltrigen deutschen Freund im selben Haus wohnt. Im folgenden Abschnitt erzählt ihm Friedrich von der Begegnung mit einem nicht jüdischen Mädchen im Jahr 1940. 1 5 10 15 20 25 30 72 Inhaltsangabe und Interpretation Sprachbewusstsein Zuhören / Sprechen Schreiben Lesen 3 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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