Bausteine Geschichte 4, Schulbuch [Prüfauflage]

68 Erinnerungspolitik Offizieller Umgang mit Erinnerung Der Opfermythos Tausende Österreicherinnen und Österreicher waren zur Zeit des Nationalsozialismus Täterinnen und Täter. Sie leiteten zum Beispiel Konzentrationslager, beteiligten sich an Massenerschießungen oder waren als SS-Soldaten für die „Shoah“ mitverantwortlich gewesen. Tausende profitierten von der Enteignung der jüdischen Bevölkerung, duldeten Verfolgung, Unrecht und Mord. Nach dem Krieg wollte niemand für diese Verbrechen verantwortlich sein und das geraubte Eigentum zurückgeben. Die schlechte Versorgungslage, die Nöte des Alltags und die „Moskauer Deklaration“ verleiteten zum Glauben, nur Opfer und nicht auch Täterinnen und Täter gewesen zu sein. Dass viele Österreicherinnen und Österreicher den „Anschluss“ begrüßt hatten, wurde lange nicht thematisiert. Ab den 1980er Jahren kam es zu einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.“ Widersprüche Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden gefallene Soldaten als „Helden der Pflichterfüllung und Tapferkeit“ mit Kriegerdenkmälern geehrt. Die in dieser Zeit von Österreicherinnen und Österreichern begangenen Verbrechen wurden heruntergespielt. Es kam zwar zu Prozessen. Die Mehrzahl der Angeklagten wurde aber als „minderbelastet“ freigesprochen oder zu geringen Haftstrafen verurteilt. Entschädigungszahlungen an Opfer des Nationalsozialismus und deren Angehörige gab es kaum. Ebenfalls unmittelbar nach Kriegsende begannen aber auch die Überlegungen zur Gestaltung der Gedenkstätte Mauthausen. Es kam zur Gründung von Opferverbänden, die rasch mit der Dokumentation begannen. Mauthausen sollte eine Gedenkstätte für die Verstorbenen und die Überlebenden werden. Denkmäler aus vielen Nationen wurden aufgestellt. A B Karikatur zu den Nürnberger Prozessen: „In Nürnberg und anderswo – Er hat’s mir doch befohlen!“ (aus der Tageszeitung „Neues Österreich“, 20. Juli 1946) Mit diesen Prozessen wurde die Entnazifizierung eingeleitet. Das bedeutet, die Nationalsozialisten sollten keinen Einfluss mehr haben. Führende Politiker mussten sich vor Gericht verantworten. Die meisten wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Durchführung eines Angriffskrieges zum Tode oder zu langen Haftstrafen verurteilt. Hitler und Goebbels hatten sich durch Selbstmord ihrer Verantwortung entzogen. 1949 wurden in Österreich etwa 480 000 „Minderbelastete“, die zum Aufbau des Staates dringend nötig waren, gar nicht mehr angeklagt. 2 Quelle: Opfermythos und „Moskauer Deklaration“ (Zitat Leopold Figl, 19.8.1945) Bereits 1943 wurde die „Moskauer Deklaration“ von Vertretern der britischen, amerikanischen und russischen Regierungen unterzeichnet. Darin erklärten die alliierten Außenminister, was nach dem Krieg mit Österreich geschehen sollte. Von Österreich war als „… erstes, freies Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer“ gefallen sei, die Rede. Deshalb sollte „ein freies unabhängiges Österreich wiederhergestellt“ werden. Niemand widersprach. Die österreichische Regierung nützte die Formulierung, um sich ausschließlich als Opfer zu präsentieren. „Sieben Jahre schmachtete das österreichische Volk unter dem Hitlerbarbarismus. Sieben Jahre wurde das österreichische Volk unterjocht und unterdrückt, kein freies Wort der Meinung, kein Bekenntnis zu einer Idee war möglich, brutaler Terror und Gewalt zwangen die Menschen zu blindem Untertanentum.“ 1 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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