Alles Geschichte! 8, Schulbuch

4 Querschnitte behandeln ausgewählte Themen und ermöglichen einen Blick über den europazentrierten Tellerrand in andere Regionen der Erde. Die Lehrplan-Teilkompetenzen werden auf eigenen Doppelseiten trainiert. Es beginnt mit einer schüler/innengerechten Erklärung der Teilkompetenz, anschließend folgt eine knappe Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Umsetzung und das Lösen der Aufgabenstellungen. Bildimpulse sowie „Wusstest du, dass…?“-Informationen stellen einen starken Gegenwartsbezug und einen Bezug zur Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern her. „Jetzt bist du dran“-Arbeitsaufgaben am Schluss jeder Doppelseite. Das Kapitel „Grundlegendes“ legt mit einer Karte und einer entsprechenden Aufgabe die Basis für die räumliche Verortung der Großkapitelinhalte. Die beiden Großkapitel im Buch beginnen mit einer Auftakt-Doppelseite, mit Zitaten, Fun Facts und Aufgaben, die zum Einstieg in das Großkapitelthema anregen. Eine interaktive Übung soll dein Vorwissen aktivieren. Österreichs Zweite Republik und die EU »Vereint in Vielfalt.« (Motto der EU) »Veränderung wird nicht kommen, wenn wir auf eine andere Person warten oder auf eine andere Zeit. Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben. Wir sind die Veränderung, nach der wir suchen.« (Barack Obama, ehem. US-Präsident) »Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.« (ehem. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker) »Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich.« (Bundeskanzler Leopold Figl in seiner Weihnachtsansprache 1945) In der EU gibt es 24 offizielle Amtssprachen. Das bedeutet, dass Gesetzestexte in all diesen Sprachen veröffentlicht werden müssen, damit Transparenz und Verständlichkeit sichergestellt werden können. Der „Marshallplan“ ist nach dem damaligen US-Außenminister George C. Marshall benannt. Wolfgang Schüssel wurde im Jahr 2000 österreichischer Bundeskanzler, obwohl seine Partei, die ÖVP, bei der Nationalratswahl nur den dritten Platz erreichte. 2012 wurde der Friedensnobelpreis an die EU verliehen. Schon Rousseau bezeichnete die Medien neben Exekutive, Legislative und Judikative als „vierte Gewalt“ im Staat. Jetzt bist du dran: 1. Wähle eine der obenstehenden Aussagen und recherchiere zusätzliche Informationen und Hintergründe dazu. Berichte sie deinem Sitznachbarn oder deiner Sitznachbarin. 2. Beschreibe das Bild auf der rechten Seite. 3. Beurteile, ob die untenstehenden Zitate auch heute noch Bedeutung haben. 4. Teste dein Vorwissen: Teste dein Vorwissen: Löse das interaktive Quiz zur Zweiten Republik. APA-Images/brandstaetter images/Votava: Jubelnde Menschen bei der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages im Schloss Belvedere (Wien) am 15. Mai 1955. Fotografie, 1955 8 1. Grundlegendes: Österreich und Europa nach 1945 1.1 Ein Überblick Die Zweite Republik in Österreich Am 1. Mai 1945 wurde von der Provisorischen Staatsregierung der „Anschluss“ von 1938 an das Deutsche Reich für ungültig erklärt und die Republik aufgrund der Verfassung von 1920 in der Fassung von 1929 (s. Alles Geschichte! 7, S. 40–41) als wiederhergestellt erklärt. Um Kämpfe zwischen den Parteien – wie in der Ersten Republik geschehen – zu verhindern, wurden der Proporz und die Sozialpartnerschaften ausgeweitet (s. S. 50). Proporz bedeutet die anteilsmäßige Vertretung politischer Parteien in Gremien oder bei der Ämterverteilung. Das politische System in Österreich Das politische System Österreichs ist eine parlamentarische Demokratie (s. S. 36). Mehrere Parteien konkurrieren um die Sitze im Nationalrat, der spätestens alle fünf Jahre gewählt wird. Der Nationalrat beschließt die Gesetze und kontrolliert die Regierung (s. S. 37–39). Die österreichische Verfassung bildet die Grundordnung des Staates. An der Spitze des Staates steht ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin, der oder die vom Volk gewählt wird. Neben der staatlichen Verwaltung gibt es auch Körperschaften mit Selbstverwaltung, die Zusammenarbeit mit der Sozialpartnerschaft (s. S. 50) und eine politisch aktive Zivilgesellschaft. Wirtschaftlicher Aufschwung Am Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Wirtschaft Europas am Boden. Der fehlende Austausch von Rohstoffen und Waren sowie zerstörte Industrieanlagen und Verkehrswege führten in nahezu allen Staaten Europas zu einer stark steigenden Inflation. Einen ersten Aufschwung brachte die vom amerikanischen Außenminister George Marshall initiierte „Hilfe zur Selbsthilfe“ von 1948 bis 1952 für die angeschlagene Wirtschaft Westeuropas (s. S. 14). Besatzungszeit in Deutschland und Österreich Der Krieg endete mit einer vollständigen Besetzung Deutschlands und Österreichs durch die alliierten Mächte (s. S. 16). Die USA, die UdSSR, Großbritannien und Frankreich teilten die beiden Länder 1945 in Zonen und beaufsichtigten die Demilitarisierung und Entnazifizierung (s. Alles Geschichte! 7, S. 88–89). Während in Deutschland aus den Besatzungszonen der westlichen Alliierten im Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland entstand, wurde in der sowjetischen Besatzungszone im Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik gegründet (s. Alles Geschichte! 7, S. 112–115). Österreich erhielt nach langjährigen Verhandlungen und nach zehnjähriger Besatzung mit dem Staatsvertrag 1955 die staatliche Unabhängigkeit durch die Zusage, eine immerwährende Neutralität zu erklären (s. S. 17). M1: Die Besatzungszonen bis 1955 Osttirol Niederösterreich land BurgenSteiermark Oberösterreich Salzburg Kärnten Tirol Vorarlberg Wien 9 Vom Eisernen Vorhang zur EU-Außengrenze Das marktwirtschaftlich dominierte Westeuropa und das kommunistische Osteuropa waren bis Anfang der 1990er-Jahre durch eine nahezu unüberwindbare Grenze quer durch Europa räumlich und wirtschaftlich getrennt (s. Alles Geschichte! 7, S. 107–111). Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden in der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) ermöglichte ab 1951 einen Neuanfang der Beziehungen zwischen diesen Staaten (s. S. 54). Mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge wurden 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) gegründet (s. S. 55). 1967 wurden EGKS, EWG und Euratom zur Europäischen Gemeinschaft (EG) zusammengeführt (s. S. 56). Nach Erweiterungen durch Länder Nordeuropas und Südeuropas bildete sich 1993 im Vertrag von Maastricht die Europäische Union (EU). 1995 trat auch Österreich der EU bei (s. S. 28). Im ersten Jahrzehnt des 21. Jh. kam es zur großen EU-Osterweiterung (s. S. 57 und S. 60/M1). Vereinigte Staaten von Europa? Durch die Zusammenarbeit der europäischen Länder kam es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bisher zu keinen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Staaten der EU. Die EU steht aber nach dem erstmaligen Ausscheiden eines Landes (Großbritannien, s. S. 52) vor der Frage, wie sie sich in Zukunft weiterentwickelt. Die unterschiedlichen Fraktionen im EU-Parlament streben einerseits eine stärkere politische und militärische Vernetzung an, andererseits eine Stärkung der Nationalstaaten mit rein wirtschaftlichen Verbindungen. Medien und Mediendemokratie Medien – sowohl klassische (s. S. 72) als auch digitale (s. S. 76) – nehmen eine wichtige Rolle in einer Demokratie ein, da sie auf gesellschaftliche und politische Themen aufmerksam machen und diese reflektieren. Pressefreiheit und Medienfreiheit (s. S. 74) sind die Grundlagen einer unabhängigen Berichterstattung. Digitale Medien werden darüber hinaus genutzt, um Geschichte darzustellen, in vielen Fällen sehr spezielle Geschichtsthemen (s. S. 78). Jetzt bist du dran: 1a. Recherchiere anhand der Karte M1 Spuren der Besatzungszeit in deiner Heimatgemeinde/deinem Bundesland. 1b. Gehe auf mediathek.at/onlineausstellungen/staatsvertrag/der-weg-zum-staatsvertrag/besatzung/befreiung-und-besetzung und beurteile einen ausgewählten Zeitzeugenbericht hinsichtlich der Auswirkungen der Besatzung auf die Bevölkerung. 2. Ermittle mit Hilfe des Textes die fehlenden Informationen und ergänze die Tabelle. Wann? Was? Wo? Details und Hintergründe 1945–1955 Marshallplan (European Recovery Program) Zur Stärkung der Wirtschaft wurden auf Kohle und Stahl keine Zölle eingehoben. Gründung der Europäischen Gemeinschaft Maastricht 1995 Staaten des ehemaligen Ostblocks treten der EU bei. 52 4. Die Europäische Union und politische Systeme im Vergleich 4.1 Der „Brexit“ Wusstest du, dass … … ca. 60 000 Menschen aus den 27 EU-Mitgliedstaaten für eine EU-Institution arbeiten? … es in der EU 24 Amtssprachen gibt? … Österreich zum EU-Alpenraum gehört, gemeinsam mit Frankreich, Deutschland, Slowenien und Italien? … drei Nicht-EU-Mitgliedstaaten zum europäischen Binnenmarkt gehören? Das sind Norwegen, Island und Liechtenstein. … der „EuroVelo 13“ mit ca. 10 000 Kilometern der längste Radweg Europas ist? Er führt entlang des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ durch 20 Länder. … die EU 2012 den Friedensnobelpreis für die Förderung von Frieden und Stabilität in Europa erhielt? … es einen „Gröxit“ gab? Grönland, als Teil von Dänemark, ist nicht Mitglied der EU. Schweden Dänemark Deutschland Tschechien Österreich Ungarn Kroatien Slo. Zypern Malta Slowakei Rumänien Bulgarien Griechenland Italien Polen Estland Litauen Lettland Finnland Irland Portugal Spanien Frankreich Belgien Niederlande Lux. Fläche: 4 Mio. km2 Bevölkerung: 450 Mio. = 50 Mio. Menschen Staaten der EU Abkürzungen: Lux. Luxemburg Slo. Slowenien M1: Großbritannien und die EU Mit der Ausweitung der EGKS auf die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Abschaffung aller Zölle zwischen den sechs Mitgliedstaaten erfolgte jedoch ein sichtbarer Wirtschaftsaufschwung in diesen Ländern. Um wirtschaftlich und politisch nicht abgehängt zu werden, stellte Großbritannien 1961 ein Beitrittsansuchen an die EWG. Wichtig war Großbritannien dabei, seine traditionelle Vermittlerrolle zwischen den USA und Europa beizubehalten. Die USA unter John F. Kennedy unterstützten das Ansuchen. Doch der französische Präsident Charles de Gaulle lehnte den Beitritt Großbritanniens ab. Erst 1973 trat Großbritannien schließlich den Europäischen Gemeinschaften bei, zusammen mit Irland und Dänemark. Mit einer knappen Mehrheit wurde der European Community Act im britischen Parlament angenommen. Die Skepsis Großbritanniens gegenüber den Europäischen Gemeinschaften blieb bestehen und bereits 1974 wurde über einen Austritt diskutiert. Nach erfolgreichen Nachverhandlungen zugunsten Großbritanniens stimmte das Parlament für den Verbleib und auch zwei Drittel der britischen Bevölkerung stimmten in einem Referendum mit Ja. Als das erhoffte hohe wirtschaftliche Wachstum vor allem in der Landwirtschaft ausblieb, handelte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher 1983 den sogenannten Briten-Rabatt aus. Großbritannien erhielt einen finanziellen Ausgleich für die Eigenmittelzahlungen an die Europäischen Gemeinschaften in der Höhe von etwa zwei Dritteln seiner Nettozahlungen. Dieser Betrag wurde von den anderen Mitgliedstaaten aufgebracht. 1952 trat der von Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden unterzeichnete Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) in Kraft. Diese Organisation markiert den Beginn der Integration in Richtung der Europäischen Union (EU) von heute. Großbritannien konnte sich zu diesem Zeitpunkt nicht zu einer Teilnahme entschließen. Es sah sich innerhalb des Commonwealth abgesichert und fühlte sich in der geografischen Sonderrolle ganz wohl. 53 Der „Brexit“ „Brexit“ ist eine Wortneuschöpfung aus den Wörtern „Britain“ und „Exit“ und meint den EU-Austritt Großbritanniens. Der britische Premierminister David Cameron ließ 2016 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU abhalten. Sein Ziel war vermutlich, die EU-Gegner/innen in seiner Partei, der Conservative Party, unter Kontrolle zu halten, da er hoffte, dass sich die Bevölkerung für den Verbleib in der EU aussprechen werde. Die Wahlkampagnen der Brexit-Befürworter/innen richteten sich auf emotionale Themen, wie die innereuropäische Arbeitsmigration. Außerdem argumentierte die „Vote Leave“-Kampagne mit falschen Daten, z. B. über die britischen Zahlungen an die EU. Im Referendum 2016 stimmten dann 52 % der Britinnen und Briten für den EU-Austritt Großbritanniens. Der Großteil davon war älter als 45 Jahre. Die 18- bis 44-Jährigen hatten mehrheitlich für den Verbleib gestimmt. In England und Wales hatte die Bevölkerung mehrheitlich für den Austritt gestimmt, in Schottland und Nordirland jedoch für den Verbleib. M2: Daniel Leal-Olivas: Pro-EU. Fotografie, 2016. Der ehemalige Premierminister Tony Blair über die britische „EU-Skepsis“ (2010) My theory – but this may be total nonsense – is that our problem with Europe is that we didn’t invent it; or at least weren’t a founding member. M3: Blair: A Journey, 2010, S. 534. Großbritannien trat nach komplizierten Verhandlungen am 31. Januar 2020 offiziell aus der EU aus. Entwicklungen nach dem „Brexit“ Mit dem Slogan „Take Back Control“ hatten die Austrittsbefürworter damit geworben, weltweit neue Handelsverträge mit besseren Konditionen zu schließen. Dies ist allerdings ein mehrjähriger Prozess, da Großbritannien mit den Ländern einzeln verhandeln muss. Währenddessen sind britische Exporte mit Zöllen belastet, was einen Nachteil für den Handel mit Waren bedeutet. Mit einem Handels- und Kooperationsabkommen zwischen Großbritannien und der EU wurden Regelungen gefunden, die eine weitere Zusammenarbeit in bestimmten Bereichen ermöglichen. Beispiele sind der Handel mit Waren und Dienstleistungen und der Datenschutz. „Nordirland-Protokoll“ und „Windsor- Rahmen“ Erst 2023 einigten sich Großbritannien und die EU endgültig über spezifische Handelsregeln für ein Problem mit großem Konfliktpotenzial: die Außengrenze der britischen Provinz Nordirland zur Republik Irland und damit zur EU. An dieser Grenze wäre es nach dem EU-Austritt Großbritanniens zu Grenzkontrollen gekommen. M4: Paul Faith: Plakat an der irisch-nordirischen Grenze. Fotografie, 2017. Nach jahrzehntelangen gewaltsamen Konflikten um die Wiedervereinigung der irischen Insel war die Lage in Nordirland seit dem Abkommen von Belfast („Karfreitagsabkommen“) 1998 stabil. Dabei war die offene Grenze zwischen Nordirland und Irland ein wichtiger Faktor. Nun befürchtete man eine neuerliche Befeuerung dieses Konfliktes. Im Nordirland-Protokoll von 2020 wurde festgelegt, dass es auf der irischen Insel keine „harte“ Grenze mit strengen Kontrollen geben werde. Der „Windsor-Rahmen“ legte die Details, z. B. für den Warenverkehr, fest. Jetzt bist du dran: 1. Arbeite aus dem Autorentext und M3 heraus, wieso ein Brexit in Großbritannien absehbar gewesen sein könnte. 2. Formuliere auf der Grundlage von M1 und M2 Argumente für den Wiederbeitritt Großbritanniens zur EU. 3. Fasse auf Basis des Autorentextes und M4 die Schwierigkeiten einer „harten“ inneririschen Grenze zusammen. 136 QUERSCHNITT Traditionelle Gesellschaften heute in Afrika, Amerika, Asien und im Pazifik WEIRD-Personen Das Akronym WEIRD (eng. weird = seltsam) prägte der amerikanische Anthropologe Joseph Henrich. Es steht für „Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic“ und bezeichnet Menschen aus westlichen, gebildeten, reichen, demokratischen Industriegesellschaften. Henrich zeigte, dass diese Menschen ganz anders denken und handeln als viele andere auf der Welt. WEIRD-Personen sind z. B. oft sehr individualistisch, regelorientiert und vertrauen auf Institutionen statt auf Familie oder Gemeinschaft. Viele wissenschaftliche Studien basieren auf WEIRD-Personen, obwohl diese nicht typisch für die ganze Menschheit sind. Traditionelle Gesellschaft Die Soziologie versteht unter einer traditionellen Gesellschaft frühe Gesellschaftsformen, also solche, die es vor der Entwicklung der Industriegesellschaft gab. Anders als früher sieht man ihre traditionellen Lebensweisen heute nicht mehr als niedriges Entwicklungsstadium an, sondern als eigenständige kulturelle Reaktion, um sich an bestimmte Lebensbedingungen anzupassen. Traditionelle Gesellschaften bestehen oft aus kleinen Gruppen oder Dörfern. Sie leben z. B. vom Jagen, Sammeln, von Ackerbau oder als Hirtennomaden. Ihr Alltag wird stark von alten Bräuchen und Traditionen geprägt, wie etwa der religiösen Praxis der Ahnenverehrung. Wenn solche Gesellschaften mit der modernen Welt in Kontakt kommen, verändert sich oft ihre Kultur. Viele Menschen übernehmen dann moderne Lebensweisen, verlieren aber dabei ihre alten Traditionen. Das kann zu Unsicherheit und Orientierungslosigkeit führen. Auch die frühere Selbstversorgung wird durch Abhängigkeit vom kapitalistischen Markt ersetzt. Mit der Zeit verschwinden oft Sprache, Geschichten, Rituale und altes Wissen. 3000 km 0 Yamomami San Mosuo indigene Völker der Taimyr-Halbinsel Maori Russland Kolumbien Venezuela Guyana Brasilien Neuseeland Angola Namibia Botswana Südafrika Simbabwe China Pazifischer Ozean Atlantischer Ozean Indischer Ozean Pazifischer Ozean M1: Siedlungsgebiete der San, Yanomami, Mosuo, der indigenen Völker auf der Taimyrhalbinsel und der Maori Heute leben nur noch wenige Gesellschaften ganz nach ihrer traditionellen Lebensweise. Die meisten behalten zwar Bräuche bei, richten sich aber immer mehr nach den Lebensweisen moderner Industriegesellschaften. Dadurch entsteht oft ein Spannungsfeld zwischen alten Traditionen und modernem Leben. 137 Before they pass away Der britische Fotograf Jimmy Nelson startete 2010 das Fotoprojekt „Before they pass away“, für das er in weltweit 40 Ländern Angehörige indigener Völker porträtierte, deren Land und Lebensweise von der Industriegesellschaft bedroht sind. M2: Robin Utrecht: Ausstellung „The Last Sentinels – Helden von nah und fern“ in Amsterdam mit Fotografien von Jimmy Nelson. Fotografie, 2022 Kritik an den Fotografien von Jimmy Nelson (2014) Davi Kopenawa, Sprecher des brasilianischen Volkes der Yanomami, sagte in London: „Ich sah die Fotos und ich mochte sie nicht. Dieser Mann will in den Bildern nur seine eigenen Vorstellungen verewigen, sie in Büchern veröffentlichen und jedem zeigen, was für ein großartiger Fotograf er ist. Aber er macht mit den indigenen Völkern, was er will. Es stimmt nicht, dass indigene Völker aussterben. Wir werden noch lange Zeit auf der Welt sein, unser Land verteidigen und weiterhin Kinder zeugen“, zitiert ihn das Blatt [The Guardian]. M3: „Anmaßender Quatsch“, in: Süddeutsche Zeitung, 7.11.2014. Online auf: https://www.sueddeutsche.de (28.5.2025). Unkontaktierte Völker Unkontaktierte Völker sind Gruppen von Menschen, die in abgelegenen Gebieten freiwillig ohne Kontakt zur modernen Außenwelt leben und ihre eigene Sprache, Kultur und Lebensweise erhalten. Sie meiden den Kontakt, um sich zu schützen, denn von außen kommende Krankheiten, Umweltzerstörung oder Gewalt können sie stark gefährden. Viele Menschenrechtsorganisationen fordern, ihren Lebensraum zu schützen und ihre Entscheidung für Isolation zu respektieren. Es gibt heute noch über 100 dieser Gesellschaften. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können Der amerikanische Evolutionsbiologe und Biogeograf Jared Diamond leitete zahlreiche Expeditionen nach Neuguinea, auf denen er die traditionellen Lebensweisen und die Unterschiede zu Industriegesellschaften untersuchte. Jared Diamond vergleicht die moderne Welt mit traditionellen Gesellschaften (2012) [Die] technischen, politischen und militärischen Vorteile [der modernen Welt] erwuchsen aus der frühen Einführung der Landwirtschaft, die ihrerseits auf die produktiven domestizierbaren Pflanzen- und Tierarten in ihrer Umgebung zurückzuführen war. Trotz dieser besonderen Vorteile entwickelten sich in den modernen Industriegesellschaften keine überlegenen Methoden zur Kindererziehung, zur Behandlung älterer Menschen, zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, zur Vermeidung nicht übertragbarer Krankheiten und zur Lösung anderer gesellschaftlicher Probleme. M4: Diamond: Vermächtnis, 2012, S. 738–739. M5: Ramon van Flymen: Jimmy Nelson fotografiert eine Gruppe in traditionellen holländischen Trachten. Fotografie, 2022 Jetzt bist du dran: 1. Finde noch fünf weitere traditionelle Gesellschaften auf der Welt, die nicht in M1 angegeben sind. 2. Vergleiche M2 und M5 vor dem Hintergrund der Kritik in M3. Beurteile, inwieweit künstlerische Fotos eine Realität abbilden. 3. Nimm Stellung zu den in M4 genannten Kritikpunkten der Versäumnisse der Industriegesellschaften. So arbeitest du mit dem Buch 48 KOMPETENZTRAINING Grundprinzipien der sozialwissenschaftlichen Forschung beachten (z. B. Vollständigkeit der Datenerhebung, Eignung und Verlässlichkeit von Messverfahren, Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse) Die Validität (Gültigkeit) und die Verlässlichkeit einer sozialwissenschaftlichen Erhebung hängen von ihrer Planung, ihrer Durchführung und der Interpretation der erhobenen Daten ab. Ein Grundproblem ist, dass die soziale Wirklichkeit dabei nicht vollständig erfasst werden kann, sondern jede Erhebung nur einen Ausschnitt betrachtet. Die Interpretation der Ergebnisse sollte nach objektiven Kriterien erfolgen, damit die Aussage der Daten nicht verzerrt wird. Erhebungen kritisch betrachten – so gehst du vor: − Recherchiere den Auftraggeber und die ausführende Institution der Erhebung. − Ermittle, welche Methodik für die Erhebung angewendet wurde (Forschungsfrage; Stichprobenermittlung; Erhebungsart wie Interviews, Beobachtung oder Umfrage mittels Fragebogen; Datendokumentation usw.). − Stelle fest, ob die Ergebnisse der Studie verlässlich und nachvollziehbar sind. Die Erhebung erfolgte mittels eines standardisierten Fragenbogens, der für alle Personen gleich lautete. Bei der formellen Freiwilligentätigkeit (innerhalb von Organisationen oder Vereinen) wurde erhoben, in welchen Bereichen und Vereinen die Personen aktiv sind, welche Aufgaben sie haben und wie viel Zeit sie für die Tätigkeit aufbringen. Berücksichtigt wurden die im Kreisdiagramm M4 dargestellten Bereiche. Zusätzlich wurde die informelle unbezahlte Tätigkeit abgefragt, die außerhalb des eigenen Haushalts erfolgt, z. B. in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis: verschiedene Hausarbeiten, Reparaturen, Besuche bei betreuungspflichtigen Personen (älteren Personen, Kindern) oder deren Betreuung, Fahrtendienste, Gartenarbeit, Hilfe bei Katastrophen, Amtswege und Schriftverkehr, Nachhilfeunterricht, Betreuung für Flüchtlinge und andere Tätigkeiten. Studienergebnisse Insgesamt leisten in Österreich etwa 3,5 Millionen Menschen um die 24 Millionen Stunden freiwillige, unbezahlte Arbeit pro Woche. Für Freiwillige im formellen Bereich beträgt der Arbeitsaufwand pro Person im Durchschnitt 5 Stunden/Woche. Für informelle Tätigkeiten werden pro Person etwa 6 Stunden/Woche aufgebracht. Frauen wenden durchschnittlich etwas mehr Zeit für Freiwilligenarbeit auf als Männer (Frauen: 7,10 Stunden/Woche, Männer: 6,69 Stunden/Woche). Bei Katastrophenhilfsdiensten (KHD) und Rettungsdiensten ist der Anteil der Männer mit 79,2 % am höchsten. Im Bereich „Religion und Kirche“ ist das Engagement von Frauen mit 59,8 % am höchsten. 3.8 Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Erhebungen nachvollziehen: Freiwilligenarbeit Viele Bereiche des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens basieren in Österreich weitgehend auf Freiwilligenarbeit. Eine Erhebung aus dem Jahr 2022 zeigt, dass knapp die Hälfte der in Österreich lebenden Bevölkerung ab 15 Jahren Freiwilligentätigkeit leistet. Der Begriff Freiwilligentätigkeit umfasst freiwillige, das heißt, nicht gesetzlich verpflichtende, unbezahlte (unentgeltliche) Tätigkeiten und Leistungen von Privatpersonen, die außerhalb des eigenen Haushalts erbracht werden. Dies können sowohl formelle Dienste innerhalb einer Organisation oder eines Vereins (Ehrenamt) als auch informelle, privat geleistete Tätigkeiten sein. Freiwilligenarbeit wird zum Zweck der Förderung der Allgemeinheit oder aus vorwiegend sozialen Motiven geleistet. Datenerhebung zur Freiwilligenarbeit 2022 Die Daten wurden im Rahmen des Mikrozensus (s. Aufgabe 1) 2022 auf freiwilliger Basis erhoben. Für die Auswahl der Stichprobe wurden Haushalte aus dem Zentralen Melderegister (ZMR) zufällig gezogen. Innerhalb dieser Wohnungsstichprobe wurden alle Haushaltsangehörigen ab 15 Jahren befragt, die sich zur Verfügung stellten. Die Stichprobengrundlage für die Erhebung umfasste etwa 32 000 Personen. Insgesamt nahmen 13 049 Personen an der freiwilligen Befragung teil, wovon 13 013 Personenbefragungen für die Hochrechnung der Daten verwendet werden konnten. 49 45,9 % der Personen, die bei KHD und Rettungsdiensten arbeiten, sind jünger als 40 Jahre. Im Bereich „Sport und Bewegung“ sind es 38,8 %. In den Bereichen „politische Arbeit und Interessenvertretung“ sowie „bürgerliche Aktivitäten und Gemeinwesen“ ist die Personengruppe zwischen 40 und 59 Jahren mit jeweils 44 % am größten. In den Bereichen „Religion und Kirche“ und „Soziales und Gesundheit“ ist der Anteil der Personen ab 60 Jahren größer als in anderen Tätigkeitsfeldern. Freiwilligentätigkeit (FT) nach Geschlecht M1: Beteiligungsquote an formeller oder informeller FT von Personen ab 15 Jahren nach Geschlecht (in %). Balkendiagramm, 2022 (Quelle: Statistik Austria) Freiwilligentätigkeit (FT) nach Altersgruppe M2: Beteiligungsquote an formeller oder informeller FT von Personen ab 15 Jahren nach Altersgruppe (in %). Balkendiagramm, 2022 (Quelle: Statistik Austria) Freiwilligentätigkeit (FT) nach Bundesland M3: Beteiligungsquote an formeller oder informeller FT von Personen ab 15 Jahren nach Bundesland (in %). Balkendiagramm, 2022 (Quelle: Statistik Austria) Männer 52,4 47,6 46,5 53,5 Frauen 0% 20% 40% 60% 80% 100% formelle oder informelle Freiwilligentätigkeit keine Freiwilligentätigkeit 80 Jahre und mehr 70 bis 79 Jahre 60 bis 69 Jahre 50 bis 59 Jahre 40 bis 49 Jahre 30 bis 39 Jahre < 30 Jahre Gesamt 0% 20% 40% 60% 80% 100% formelle oder informelle Freiwilligentätigkeit Ja Nein 25,2 41,2 58,8 51,3 48,7 55,1 44,9 53,1 46,9 51,7 48,3 49,3 50,7 49,4 50,6 74,8 Bgld. Ktn. NÖ OÖ Sbg. Stmk. Tirol Vbg. Wien formelle oder informelle Freiwilligentätigkeit keine Freiwilligentätigkeit 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 41,6 58,4 53,1 46,9 54,5 45,5 48,7 51,3 53,8 46,2 51,1 48,9 52,6 47,4 50,1 49,9 46,5 53,5 Formelle Freiwilligentätigkeit (FT) M4: Beteiligung an verschiedenen Bereichen der formellen FT. Kreisdiagramm, 2022 (Quelle: Statistik Austria) Die Beteiligungsquote ist der Anteil aller Personen, die freiwillig tätig sind, gemessen an der Gesamtbevölkerung in Österreich. Formelle Freiwilligentätigkeit und Ausbildungsniveau (2022) Bei formeller Freiwilligentätigkeit sind Personen ohne Matura mit 55,7% häufiger vertreten als jene mit Matura (44,3 %). Besonders deutlich ist der Unterschied im Bereich der „Katastrophenhilfs- und Rettungsdienste“ mit einem Anteil an 68,9 % ohne Matura im Vergleich zu 31,1 % mit Matura. Dieses Verhältnis ist in zwei Bereichen umgekehrt, nämlich bei „Kunst, Kultur, Unterhaltung“ (49,8 % keine Matura, 50,2 % Matura) und „Bildung“ (29,4 % keine Matura, 70,6 % Matura). M5: Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (Hg.): Freiwilliges Engagement in Österreich, 2022, S. 57. 14 % Katastrophenhilfs- und Rettungsdienste 7 % Umwelt, Natur und Tierschutz 3 % Flüchtlingshilfe 7 % politische Arbeit und Interessenvertretung 9 % bürgerliche Aktivitäten und Gemeinwesen 5 % Bildung 19 % Sport und Bewegung 10 % Soziales und Gesundheit 12 % Religion und Kirche 14 % Kunst, Kultur, Unterhaltung Jetzt bist du dran: 1. Recherchiere, z. B. auf der Website der Statistik Austria (https://statistik.at), worum es sich bei einem Mikrozensus handelt und wie er erhoben wird. 2. Formuliere die Ergebnisse von M1–M4 aus. 3. Diskutiere anhand von M5 Gründe für die unterschiedliche Beteiligung an Freiwilligenarbeit. 4. Wende die Anleitung zur Kompetenz auf die dargelegte Studie zur Freiwilligenarbeit an. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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