112 Wenn ein Ereignis ein weiteres auslöst, nennt man das Domino-Effekt oder Kettenreaktion ( A 3 ). Eine solche Kettenreaktion läuft auch in einem Kernkraftwerk ab. Es gibt da aber ein Problem: Bei der Spaltung werden nämlich mehrere Neutronen frei (B 31.9). Angenommen, immer zwei Neutronen lösen eine neue Kernspaltung aus. Man hätte dann eine schnell anwachsende und unkontrollierbare Kettenreaktion (B 31.9), die ins Unermessliche wächst. B 31.9 Unkontrollierte Kettenreaktion: Bei jedem Schritt würde sich die Zahl der gespaltenen Elemente verdoppeln. Wie absurd schnell sich die Zahlen durch Verdoppeln erhöhen, kannst du beim Schachbrett sehen ( A 4 ). Auf das 10. Feld, also nach 9 Verdopplungen, müsstest du bereits 512 Reiskörner legen. Mathematisch würde man 9 Verdopplungen so anschreiben: 1 · 2 · 2 · 2 · 2 · 2 · 2 · 2 · 2 · 2 = 29 = 512. So viele Reiskörner haben dort gar nicht mehr Platz. Auf dem 64. und letzten Feld müssten 263 ≈ 9 · 1018, also etwa 9 Trillionen Reiskörner liegen – komplett unmöglich! Bei einer kontrollierten Kettenreaktion muss genau eines jener Neutronen, die bei der Kernspaltung frei werden, einen weiteren Kern spalten. Damit man die Kettenreaktion kontrollieren kann, gibt es zur Steuerung Regelstäbe (B 31.7, S. 111), die man bei Bedarf rein- oder rausschieben kann, um die Zahl der wirksamen Neutronen zu verändern. Ein tragisches Beispiel, wo das nicht gelungen ist, ist das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl. Durch eine Kombination aus menschlichem Versagen und Konstruktionsfehlern kam es dort 1986 zu einer unkontrollierten Kettenreaktion und in Folge zur Explosion des Reaktors (B 31.10). Diese war so heftig, dass dabei der über 1000 Tonnen schwere Deckel abgehoben wurde und große Mengen radioaktiver Materie frei wurden. Die Zahl der Todesopfer ist wegen der Spätfolgen schwer einzuschätzen. Die Angaben reichen von 4000 (internationale Atomenergieorganisation) bis 93.000 (Greenpeace). Rb-96 Kr-89 Rb-96 U-235 U-235 U-235 U-235 U-235 U-235 U-235 Cs-137 Sr-90 Sr-90 Ba-144 Ba-144 Xe-144 Cs-137 Kr-89 I-131 Xe-144 Y-102 Die Stadt Prypjat, nur etwa 4 km vom Kraftwerk entfernt, war extrem stark von der Strahlung betroffen. Die Evakuierung der rund 50.000 Bewohner erfolgte erst 36 Stunden nach dem Unfall. Die Stadt wurde nie wieder besiedelt und ist heute eine Geisterstadt (B 31.11), die als mahnendes Beispiel für die Gefahren der Kernenergie gilt. B 31.11 Prypjat ist heute ein riesiger Lost Place. In den folgenden Monaten versuchten hunderttausende Helfer (B 31.12), die radioaktiven Reste zu beseitigen und zu vergraben. In einer 30-Kilometer-Sperrzone um das Kraftwerk wurden alle Siedlungen geschlossen und es wurde eine Betonschutzhülle um das Kraftwerk errichtet (B 31.28, S. 116). B 31.12 Ein Wissenschaftler im Strahlenschutzanzug mit einem Strahlungsmessgerät B 31.10 Der komplett zerstöre Reaktorblock von Tschernobyl am 26. April 1986: Nach der Explosion begannen sofort die Arbeiten, um die freigesetzten radioaktiven Materialien zu beseitigen. Der Bau des ersten „Sarkophags“, der als Schutzstruktur über den zerstörten Reaktor errichtet wurde, dauerte etwa sieben Monate. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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