Zeitbilder 4, Schulbuch

103 Neutralität 4 Fasse jeden der drei Standpunkte mit eigenen Worten zusammen. Definiere die Bezeichnungen „Mythos“ und „Feigheit“ in diesem Zusammenhang. Stelle fest, ob und in welcher Rolle die NATO erwähnt wird. Erkläre mithilfe der drei Texte den Unterschied zwischen militärischer und politischer Neutralität. (PSK II) M7 PRO: Ein lebendiger Mythos – Conrad Seidl D Kaum etwas definiert das Selbstverständnis der Republik Österreich so deutlich wie die Neutralität. Gern wird erzählt, dass der Zweiten Republik von der russischen Besatzungsmacht 1955 die Neutralität als Preis für deren Abzug aufgedrängt worden sei. Das ist nur ein Teil der Wahrheit – in Wirklichkeit taucht sie ein Jahrzehnt vorher in einem Memorandum von Heinrich Raab, dem Bruder des Staatsvertragskanzlers Julius Raab, auf. Ein Mythos ist auch, dass uns die Neutralität ewigen Frieden bringe – den verdanken Nationen kluger Außenpolitik und adäquater militärischer Stärke. Der Nutzen der Neutralität liegt in ihrem staatstragenden Mythos: Gerade das Bundesheer hat daran kräftig mitgewirkt, um halbwegs ausgerüstet zu werden. Politiker aller Couleur haben mit unterschiedlichen Akzenten den Faden weitergewoben – mit flexibler Handhabung funktioniert die Neutralität sehr gut. So bleibt der nationale Mythos lebendig – und Österreich frei von Bündnissen und militärischen Stützpunkten fremder Nationen. (nach: Der Standard, 19.11.2022) M8 NEUTRAL: Es ist, was es ist – Katharina Mittelstaedt D Österreich ist ein durch und durch neutrales Land. Dementsprechend ist es wenig verwunderlich, dass die Neutralität in Österreich immerwährende Popularität genießt: In einer Standard-Umfrage vom Mai erklärten 71% der Befragten, dass das Land neutral bleiben soll. Es gibt allerdings auch gute Argumente gegen die heimische Neutralität. Allein könnte das heimische Heer das Land nicht verteidigen. Längst nimmt Österreich ohnehin an Auslandseinsätzen teil und kooperiert mit der NATO. Aktuell denkt die Regierung sogar über eine Beteiligung am europäischen Luftabwehrsystem Sky Shield nach. Ob sich das mit der Neutralität vereinbaren ließe? Wenn Österreich möchte, werden Wege gefunden, sagen Militärexperten. Die Neutralität sei oft nicht mehr als eine Frage der Auslegung. Solange sich in der Bevölkerung nicht überraschend die Stimmung dreht, wird sich die Politik hüten, etwas zu ändern. Es ist, was es ist, sagen gelernte Österreicher. (nach: Der Standard, 19.11.2022) M9 KONTRA: Schluss mit der Feigheit – Michael Völker D Die Neutralität wurde uns von den Russen vorgegeben. Das spricht nicht gegen die Neutralität, wird aber gerne vergessen. Die Neutralität, so wie wir sie anwenden, ist in erster Linie eines: feig. Österreich versucht mit einer Tarnkappe durch die weltpolitischen Unwegsamkeiten zu steuern. Aber gerade der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat gezeigt, dass Österreich nicht neutral ist, nicht neutral sein kann und es hoffentlich auch nicht sein will. Wir stehen an der Seite der Ukraine und beziehen klar gegen den Aggressor Position. Das ist nicht neutral, das ist eine anständige und aufrechte Position. Österreich verlässt sich auf die Staaten, die es umgeben. Irgendwer wird uns schon beschützen. Das ist unredlich. Österreich soll sich deklarieren, sich einbringen und aktiv an einem Bündnis teilnehmen. Das muss nicht zwangsläufig die NATO unter amerikanischer Dominanz sein. Das wäre im Idealfall ein europäisches Bündnis, das auf eine gemeinsame Verteidigung, ein gemeinsames Heer, eine gemeinsame Strategie setzt. (nach: Der Standard, 19.11.2022) Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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