Zeitbilder 4, Schulbuch

40 Schülerinnen und Schüler in der NS-Zeit M1 Volksschulklasse von Traudl Matitsch (Foto 1938, Privatbesitz) M3 Die Schülerin Traudl über jüdische Mitschülerinnen O Die jüdischen Kinder sind plötzlich in einer eigenen Bankreihe gesessen. Wer das angeordnet hat, weiß ich nicht. Wir haben mit den Mädchen ganz normal weitergeredet, weil wir das alles gar nicht begriffen haben. Plötzlich waren sie weg. Aber kurz davor hat eine der Lehrerin erzählt, dass sie bald mit dem Schiff nach Australien fahren und sich davor fürchten würde. Die Lehrerin hat sie beruhigt und gemeint, die Schiffe seien so groß, da müsse man keine Angst haben. Etwas Politisches kam dabei nie zur Sprache. Die Hintergründe habe ich erst sehr viel später verstanden. (Oral History, Gespräch mit Traudl Matitsch, 2018) Kinder als Opfer Nach dem „Anschluss“ 1938 änderte sich das Leben für die jüdische Bevölkerung in Österreich. Vor allem Kinder und Jugendliche wurden von der neuen politischen Situation und ihren Auswirkungen völlig überrascht. Elternhaus, Schule und Hitlerjugend sollten sie im Sinne des Nationalsozialismus beeinflussen. Während des Kriegs gehörten Luftangriffe, Hunger, Kälte und die Angst um das eigene Leben und das der Familie zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. M2 Brief einer Mutter an ein Gymnasium im 8. Wiener Bezirk (2.5.1938) Q Sehr geehrte Frau Direktor! Wiewohl es uns unsagbar schwer fällt, muss ich Ihnen dennoch die Bitte unterbreiten, unsere Franzi morgen aus der Anstalt zu entlassen. Der Umbruch hat Zustände geschaffen, die mich zu diesem Entschluss zwingen. Ich kann nur sagen, dass wir sehr stolz und glücklich waren, weil unser Kind in einer so vorzüglichen, guten Schule lernen durfte, und wir hätten alle Opfer gebracht, um sie auch bei Ihnen maturieren zu lassen. Nun ist unser Traum zu Ende. Nachdem nun infolge der veränderten Verhältnisse nur mehr die letzten 2 Monate für den Schulbesuch in Betracht kommen, wir aber das Kind dringend zuhause brauchen, bitte ich höflichst um Ausschulung und Erteilung des Abgangszeugnisses. Durch die mehr als prekären finanziellen Verhältnisse konnten wir doch nie das volle Schulgeld entrichten – und als jüdisches Kind ist sie ja auch von einer Matura ausgeschlossen, und so müssen wir uns damit abfinden, Franzi etwas Praktisches lernen zu lassen, damit sie späterhin ihren Unterhalt sichern kann. In Dankbarkeit und Hochachtung Ihre Lola Baum (aus: Privatbesitz Anton Wald) M4 Traudl erzählt über ihre Kindheit im Nationalsozialismus. O Mit zehn Jahren kam man in die Hitlerjugend, das war Pflicht. Anfangs war einmal pro Woche „Heimabend“. Wir lernten Lieder und natürlich alles über Entstehung und Entwicklung der NSDAP. Den Lebenslauf Hitlers hörten wir ständig. Außerdem gab es eine Turnstunde pro Woche. Ich kann mich erinnern, dass plötzlich Schaufenster mit „Jud“ beschmiert und Geschäfte geplündert wurden. Den Brand der Synagoge 1938 habe ich zwar gesehen, aber nicht verstanden. Im Krieg wurde der BDM immer mehr zu Hilfsdiensten herangezogen. Wir reparierten Uniformen, eine mühsame und schmutzige Arbeit. Nach den Bombenangriffen auf Wien ab April 1944 mussten wir für ältere, hilfsbedürftige Leute die Reste kaputter Fenster entsorgen und sie so gut wie möglich mit Karton oder Holz abdichten. Ältere Mädchen mussten bei der Flak arbeiten. Die Eltern haben mit uns nie über Politik gesprochen. Das war vor allem im Laufe des Kriegs viel zu riskant. Ich weiß daher nicht, ob sie englische Sender gehört haben, aber ich nehme es an, weil sie ein sehr gutes Radio hatten. Beide konnten Englisch und Französisch. (Oral History, Gespräch mit Traudl Matitsch, 2023) Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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