74 Vergangenheitsbewältigung M2 Mitglied bei der SA? Q Kurt Waldheim über seine Mitgliedschaft beim NS-Reiterkorps, Juni 1986: „Ich wollte die Optik wahren. Ein paarmal mitzureiten, schien mir kein Malheur, schien mir sogar nützlich.“ Fred Sinowatz, damaliger Bundeskanzler, über Waldheim im Juni 1986: „Nehmen wir also zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd.“ (nach: Die Presse, 24.10.2014) M1 Hoffnung auf einen Staatsvertrag Q Wir werden die volle Freiheit und Souveränität nicht erreichen, wenn wir den Alliierten nicht deutlich und überzeugend beweisen, dass wir entschlossen sind, die Entnazifizierung durchzuführen. Je rascher Österreich die Nazifrage lösen wird, je entschiedener wir die Entnazifizierung durchführen, desto stärker wird auch unsere Stellung bei den Verhandlungen um den Staatsvertrag sein. (nach: Volkswille, 9.1.1947) In Österreich Opfertheorie In Österreich war nach 1945 die Meinung weit verbreitet, dass Österreich und seine Bevölkerung 1938 mit militärischer Gewalt in die deutsche NS-Herrschaft eingegliedert wurden. Daher sei Österreich ein Opfer der nationalsozialistischen Angriffspolitik gewesen und habe unter der grausamen NS-Diktatur gelitten. Außerdem hätten viele in Österreich Widerstand geleistet. Dieser habe entscheidend mitgeholfen, die NS-Herrschaft zu beenden. Verschwiegen wurde dabei, wie viele Menschen in Österreich aktiv die NS-Herrschaft unterstützt oder sich aktiv am Krieg und an Kriegsverbrechen beteiligt hatten. Waldheim Bundespräsident Kurt Waldheim (1986–1992) lehnte die Verantwortung für seinen Dienst als Offizier in der Deutschen Wehrmacht ab: „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als meine Pflicht als Soldat erfüllt!“ Allerdings stellte eine Historikerkommission fest, dass Waldheim seine NS-Vergangenheit lückenhaft und teilweise verfälscht dargestellt hatte. Kriegsverbrechen konnte sie nicht beweisen. Ende der Opfertheorie Der Fall Waldheim erregte nicht nur international Aufsehen. Er führte auch in Österreich zu vielen Diskussionen über die angebliche Opferrolle während der NS-Herrschaft. Im Jahr 1991 sprach erstmals ein österreichisches Regierungsmitglied, Bundeskanzler Franz Vranitzky, offiziell über die Mitverantwortung der österreichischen Bevölkerung am Nationalsozialismus. M3 Karikatur (Neues Österreich, 20.7.1946) M4 Antifaschismus-Ausstellung, 1946/47 in Wien, Innsbruck und Linz (Briefmarke 1946) M5 Bundeskanzler Vranitzky 1991 über Österreichs Mitverantwortung Q Es ist unbestritten, dass Österreich im März 1938 Opfer einer militärischen Aggression mit furchtbaren Konsequenzen geworden war. Dennoch haben auch viele Österreicher den Anschluss begrüßt. Viele Österreicher waren an den Unterdrückungsmaßnahmen und Verfolgungen des Dritten Reichs beteiligt, zum Teil an prominenter Stelle. Über eine moralische Mitverantwortung können wir uns auch heute nicht hinwegsetzen. Wir bekennen uns zu allen Taten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen. (nach: Parlamentarisches Stenographisches Protokoll, S. 3282 f.) Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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