23 zu den Schulbuchseiten 52 und 53 6. August 1945, 8 Uhr 15 Minuten. Über Hiroshima explodiert die Atombombe. Herr Sasaki und seine Frau Yasuko haben zwei Kinder: Shigeo und Sadako. Sadako will 14 Jahre später die Strahlenkrankheit überleben. Denn sie glaubt fest daran: Wenn sie tausend Kraniche aus Goldpapier falten kann, wird sie gesund werden. Sadako will leben 1 Recherchiere Symptome der Strahlenkrankheit, an der Sadako leidet. (HMK II) 2 Begründe, warum kranke Menschen in dieser Geschichte (Sadako ist nicht die Einzige.) gerade Kraniche falten, um gesund zu werden. (Tipp: Recherchiere, wofür Kraniche in Japan stehen.) (HSK II) 3 Arbeite aus dem Text heraus, wie ihr der japanische Arzt Mut machen will. (HSK II) 4 Begründe, warum die Japaner Sadako in ihrem Glauben an die Heilung durch tausend gefaltete Kraniche bestärken und warum der amerikanische Arzt dagegen ist. (PUK II) Shigeo hatte eine dicke Rolle Goldpapier und eine Schere auf das Krankenbett gelegt. „Du kannst sogar ganz sicher gesund werden“, sagte Shigeo. „Weißt du, wie? Schau her! Da habe ich Goldpapier und eine Schere. Gib acht! Ich werde dir etwas zeigen.“ Er schnitt von der Rolle ein Stück Papier ab und faltete das Papierstück. In weniger als einer Minute entstand ein Vogel mit ausgebreiteten Schwingen. „Tausend solcher Kraniche müssen an Schnüren über deinem Bett hängen, dann wirst du gesund sein.“ „Ich werde dir helfen, Sadako“, versprach Shigeo. „Jeden Tag werde ich herkommen und Kraniche mit dir falten.“ „Ich helfe dir auch“, sagte Yasuko. „In längstens fünf Tagen hängen über deinem Bett tausend Kraniche.“ Herr Sasaki spielte den Erstaunten. „Was? In fünf Tagen erst? Habt ihr vergessen, dass ich auch auf der Welt bin? Wenn ich euch helfe, seid ihr in drei Tagen fertig!“ Sadako widersprach mit fester Stimme: „Nein, nein. Ihr dürft mir nicht helfen. Shigeo hat gesagt, ein Kranker muss selber tausend Kraniche falten, sonst erfüllen die Götter seine Bitte um Gesundung nicht. Ich allein will die Kraniche machen.“ „Sie hat recht“, sagte Shigeo. „Wir dürfen ihr bei der Arbeit nicht helfen. Das würde sie nicht gesund machen. Aber eines muss sie uns erlauben – wir werden im Tempel die Götter bitten, sie sollen Sadako nicht müde werden lassen.“ Ihr Gesicht zeigte wieder die fahle Blässe einer Strahlenkranken. Das Reden machte ihr Mühe. „Ja, bitte – betet für mich. Die Götter sollen mir helfen.“ Die Morgenvisite war vorüber. Doktor Owens und Doktor Ikeda traten aus dem Krankenzimmer. Owens sagte: „Das Mädchen hat in den vergangenen acht Tagen fast pausenlos Papiervögel fabriziert. Das strengt sie zu sehr an. Ich glaube, es hängen schon mindestens dreihundert solcher Dinger über ihrem Bett.“ „Vierhundertachtzehn sind es genau“, verbesserte Doktor Ikeda. „In zehn Tagen wird Sadako den tausendsten Kranich gemacht haben. Dann wird sie gesunden.“ Owens musterte den Begleiter mit fragendem Blick. „Meinen Sie das im Ernst? Es ist ein Aberglauben Ihrer Landsleute, weiter nichts.“ Ikeda drückte die Fingerspitzen beider Hände aneinander. „Sie nennen das Aberglauben. Ich nenne es Glauben an die eigene Kraft. Das Mädchen ist überzeugt, es würde erst gesund, sobald es den tausendsten Papiervogel vollendet hat. Der Wille wird es so lange am Leben erhalten. Wollen Sie ihr verbieten zu leben?“ „Natürlich nicht!“ stieß Owens hervor. „Aber Sie wissen so gut wie ich, dass die kleine Sadako eine Todgeweihte ist. Sie wird ihre Kräfte frühzeitig erschöpfen. Unsere Pflicht ist es aber, das zu verhindern.“ „Gut, wir könnten ihr sagen, sie dürfe jeden Tag nur zehn Kraniche machen“, sagte Ikeda nach kurzem Überlegen. „Das wird ihr Leben verlängern. Sie wird nicht sterben, solange sie mit den tausend Kranichen nicht fertig ist.“ Owens antwortete: „Das glaube ich nicht, weil es meiner Vernunft widerspricht. Die heutige Untersuchung Sadakos lässt mich das Schlimmste befürchten.“ „Sie fürchtet sich nicht.“, widersprach Ikeda. „Verstehen Sie doch – wir wissen beide, wie es steht um das Kind. Es hofft auf das Wunder der tausend Kraniche. Wenn ihm vor Schlaf die Augen zufallen, träumt es vom Spiel mit Freundinnen auf einer Wiese, vom Schwimmen im Meer oder lustigen Bootsfahrten auf dem OthaFluss. Es wird noch davon träumen, wenn seine Seele zum Himmel aufsteigt. Lassen wir es träumen.“ (nach: Karl Bruckner, Sadako will leben, 1980) Faschismus – Nationalsozialismus – Kommunismus Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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