Zeitbilder 4, Arbeitsheft

29 zu den Schulbuchseiten 62 bis 67 Unter dem Namen „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ wurde 1939 eine Organisation geschaffen, die Kinder mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen, zunächst bis zum Alter von drei Jahren, erfasste, später auch ältere. Die als „lebensunwertes Leben“ deklarierten Kinder kamen in so genannte Kinderfachabteilungen von Heil- und Pflegeanstalten, wo sie systematisch getötet wurden. Das alles sollte unter strengster Geheimhaltung geschehen. M3 Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens: Anton ist mathematisch hochbegabt, doch wegen eines Unfalls stottert er, und eine Lähmung im rechten Arm erschwert ihm das Schreiben. Schüler und Lehrer schikanieren ihn immer ungehemmter, bis seine Eltern ihn verstecken müssen. Q Heimann macht mit Antons Klasse Rassenkunde. Das ist für die fünften Klassen der Volksschule zwar nicht vorgeschrieben, aber erwünscht. Sie sprechen über die nordische Rasse, den nordischen Menschen. Manchmal schielt Heimann, gleichsam lauernd, zu Anton hinüber. „Heute sprechen wir über Rassenhygiene“, sagt Heimann. Er schreibt groß an die Tafel: Nordische (arische) Rasse. „Der nordische Mensch“, erklärt Heimann, „zeichnet sich vor allen anderen Menschenrassen aus durch charakterliche Stärke, Mut, Härte, Kühnheit, Unbeugsamkeit, eisernen Willen, Entschlusskraft.“ Heimann schreibt das alles unter Nordische (arische) Rasse an die Tafel und zieht einen Kreis um das Ganze. „Die Stärke und Überlegenheit des deutschen Volkes beruht auf der rassischen Überlegenheit unserer germanischen Vorfahren und macht es zum Führervolk.“ Er zeigt mit seinem Stock auf die Tafel. „Und es ist unsere Pflicht, die Stärke und die rassische Reinheit des deutschen Volkes für unseren Führer zu erhalten. Alles Schwache und Kranke muss ausgemerzt werden.“ Er dreht sich zur Klasse um. Auf seine Krücken gestützt, ist er mit wenigen Schritten bei Anton. „Hier haben wir ein Beispiel dafür, für das Kranke und Schwache, das ausgemerzt werden muss.“ Und Heimann zieht Anton an einem Ohr aus der Bank, dreht das Ohr, sodass der Schmerz durch den Kopf geht und Anton die Tränen kommen. Da springt Ilse hoch: „Nein!“ In der Klasse ist es totenstill. Wut im Gesicht von Heimann. Er humpelt auf seinen Krücken zu Ilse. Steht vor ihr, starrt ihr in die Augen und schreit: „Wenn ich nicht wüsste, dass du aus einer reinrassigen deutschen Familie kommst, würde ich mit dir jetzt das Gleiche machen. Aber du bist ein deutsches Mädchen. Und merk dir, die höchste Pflicht der Frau ist es, sich dem Willen des Mannes unterzuordnen.“ Und er zischt mit dem Rohrstock durch die Luft und schlägt Ilse damit auf die Hand. Ilse weint. Nach der Schule geht Anton allein nach Hause. Plötzlich stürzt sich eine Horde auf ihn. Sie boxen ihn und treten ihn. Das Gesicht der Täter: wutverzerrt. Anton hält sich die Arme schützend über den Kopf. Sie reißen seine Arme fort und schlagen ihm mit der Faust mitten ins Gesicht. Sie zerren an seinem Ranzen. „Ranzen pflücken“ nennt man das. Sie schmeißen seinen Ranzen in die Gosse. Sie johlen. Sie verspotten, beschimpfen und bespucken ihn. „Schafft die Idioten ab“, ruft einer. (nach: Elisabeth Zöller, Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens, 2010) 1 Fasse mithilfe des Schulbuchs (S.62 bis 67) zusammen, welche Gruppen der Bevölkerung von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. (HMK I) 2 Analysiere mithilfe von M1 und M2, wie Ceija Stojka mit ihrem Schicksal umgegangen ist. Erörtere ihre Gedanken und Handlungen. (HMK II, PUK III) 3 Die Nationalsozialisten sprachen im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderung von „unwertem Leben“. Arbeite aus M3 heraus, wie Menschen mit Behinderung behandelt wurden. Nimm dazu Stellung. (HSK III) 4 Recherchiere zur so genannten „Euthanasie-Aktion“. Finde heraus, gegen wen sich diese richtete und welche Folgen sie hatte. Untersuche, welcher Zusammenhang zur „Rassenideologie“ der Nationalsozialisten besteht. Verwende die Suchbegriffe „Euthanasie“ und „Rassenideologie“. (HFK II) Von Rassismus, Völkermord und Erinnerungskulturen Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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