41 zu den Schulbuchseiten 96 bis 99 Rund um ihren 16. Geburtstag macht sich Nora Gedanken darüber, wie die Welt im Jahr 2084 aussehen wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Nora ist klug, sie hat Fantasie und sie ist tatkräftig. 2084 – Noras Welt 1 Fasse den Brief zusammen. Bewerte die Idee, an die eigene Urenkelin zu schreiben. (HMK III) 2 Erläutere, wie sie die Situation zu ihrer Zeit beschreibt. (Tipp: Achte auf das Erscheinungsjahr des Romans). Arbeite heraus, welche Strategien zum Klimaschutz heute als wichtig erachtet werden, die sie noch nicht erwähnt. (HOK II) 3 Schreibe einen Brief an dich selbst in 20 Jahren, in dem du gegenwärtige Probleme und die jetzigen Lösungsansätze beschreibst. (PHK III) Liebe Nora, ich weiß nicht, wie es auf der Welt aussieht, wenn du das hier liest. Aber du weißt es. Du weißt, wie schlimm die Klimakatastrophe und wie reduziert die Natur inzwischen ist, und vielleicht weißt du sogar genau, welche Tier- und Pflanzenarten es nicht mehr gibt. Es ist nicht leicht, einem Menschen zu schreiben, der mehrere Generationen nach mir auf der Erde leben wird, und es wird nicht leichter dadurch, dass es sich um meine eigene Urenkelin handelt. Aber ich werde so ehrlich und aufrichtig sein, wie ich kann. Ich befinde mich hier im allerreichsten Winkel der Welt, und leider zählt hier immer noch nur eins: Wir nennen es Konsum oder sprechen von Bedarf. In manchen anderen Gesellschaften geht es eher um das Allernotwendigste, das die Menschen zum Leben brauchen. Wenn wir stattdessen Wörter wie „Konsum“ und „Bedarf“ benutzen, dann vielleicht deshalb, weil wir nicht einsehen wollen, dass es für alles eine obere Grenze gibt. Der Becher ist für uns niemals voll. Ein Wort, das fast nicht mehr in Gebrauch ist, ist das kleine Wort „genug“. Stattdessen werfen wir mit einem anderen noch kürzeren Wort um uns: „mehr“. Du weißt besser als ich, was das für Konsequenzen haben wird, aber schon jetzt zieht sich das Eis über Grönland und der Arktis zurück, und die Jagd auf neue Öl- und Gasvorkommen hat bereits begonnen. Die Politiker sagen, wir müssen noch den letzten Tropfen Öl auf der Erde ausfindig machen, weil die Welt mehr Energie braucht. Die Welt braucht mehr Öl und Gas, um mehr Menschen aus der Armut zu retten, wird behauptet. Aber die Politiker lügen. Sie wissen selbst nur zu gut, dass es ihnen nicht um die Interessen der Armen geht. Ihnen ist vollkommen klar, dass sich die Lage der ärmsten nur verschlimmern wird, wenn die Reichen noch mehr Kohle und Öl verbrennen. Es geht ausschließlich darum, dass die Ölgesellschaften und die reichsten Ölnationen mehr Profit machen wollen. Mehr, mehr! Es gibt keinen politischen Willen, neu entdeckte Vorkommen an Öl und Gas unangetastet zu lassen. Und leider fehlt es zugleich an der entsprechenden öffentlichen Meinung. Wir sind eine egoistische Generation. Es gibt kaum Verständnis, dass die Generationen, die nach uns kommen, auch etwas von der noch vorhandenen Energie benötigen werden. Ein weiteres Wort, das wir selten benutzen, ist „sparen“. Dagegen begegnen uns Ausdrücke wie „umweltbewusst“, „kohlendioxidneutral“ und andere Worthülsen auf Schritt und Tritt. Gibt es in diesem Irrenhaus wirklich keine Nischen von Optimismus oder Tatkraft mehr? Ich kann nur fragen, und ich weiß, dass du die Antwort kennst. Versuch einfach, dir Folgendes vorzustellen: Überall auf der Welt werden grüne Automaten aufgestellt. In diese Automaten führt man seine Kreditkarte ein und sieht dafür die wunderbarsten Videoclips von Naturschauplätzen überall auf der Erde. Es geht darum, dass man immer nur das Stück Natur erleben darf, für das man die Verantwortung übernimmt. Alles Geld aus diesen Automaten wird eingesetzt, um die Natur auf unserem Planeten zu retten. Zugleich aber nehmen die Benutzer der Automaten an Lotterien und Glücksspielen teil. Es mag komisch klingen, aber vielleicht liegt die Zukunft unserer Welt in einer neuen Generation von Spielautomaten. Es gibt so vieles, was ich über die Zukunft nicht weiß. Ich weiß nur, dass ich dazu beitragen will, sie zu gestalten. Mit lieben Grüßen und den allerbesten Wünschen für dich und die Welt, in der du aufwachsen und dein Leben leben wirst. Deine Urgroßmutter Nora (nach: Jostein Gaarder, 2084 – Noras Welt, 2013) Zweite Republik und Gesellschaft in Österreich Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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