Univ.-Prof. Dr. Francesca Ferlaino Warum habe ich Physik studiert? Ich wuchs in Neapel auf, umgeben von einer reichen Mischung aus Kultur und Neugier. Schon früh interessierte mich, wie technische und natürliche Prozesse ablaufen. Ein prägendes Erlebnis hatte ich mit zwölf Jahren bei einer Schulreise zu einem Kernkraftwerk: Die Vorstellung, dass man Atome spalten kann, um Energie zu erzeugen, faszinierte mich zutiefst. Dieses Erlebnis weckte mein Interesse an den Naturgesetzen, doch erst in der Oberstufe wurde mir während einer Universitätsvorlesung endgültig klar, dass Physik meine Leidenschaft ist. Ich besuchte ein Gymnasium mit Schwerpunkt auf Latein und Altgriechisch, in dem sehr wenig Mathematik und fast gar keine Physik unterrichtet wurde. Damals wusste ich nur sehr wenig über das Fach, doch während dieses Universitätsbesuchs, als ich der Vorlesung lauschte, war ich vollkommen fasziniert. Der Professor erklärte hochkomplexe Konzepte mit solcher Klarheit und Begeisterung, dass ich wusste: Dies war das Fach, in dem ich meine Neugier über die fundamentalen Mechanismen der Welt stillen konnte. Ich entschied mich für ein Physikstudium an der Universität Neapel, wo ich meinen Masterabschluss erlangte. Danach zog ich nach Florenz, um am Europäischen Labor für Nichtlineare Spektroskopie (LENS) meine Doktorarbeit zu schreiben. Während meiner Promotion tauchte ich tief in die Quantenphysik ein – und war von diesem Moment an vollkommen gefesselt. Die Welt der Teilchen auf kleinster Skala erschien mir fast magisch, aber zugleich logisch und mathematisch greifbar. In Süditalien sagt man: „Wo Genuss ist, ist nichts verloren.“ Es bedeutet, dass man nie falsch liegt, wenn man einer Leidenschaft folgt! Mein erster Mentor wiederholte diese Worte oft und bestärkte mich darin, meinen eigenen Weg zu gehen. Diese Einstellung begleitete mich auf meiner gesamten akademischen Laufbahn. Was sind meine heutigen Aufgaben/Interessen? Wo sehe ich künftige Entwicklungen? Nach meiner Promotion zog ich 2006 nach Innsbruck, um in der Forschungsgruppe des Experimentalphysikers Rudolf Grimm zu arbeiten – eine Entscheidung, die sich als prägend für meine wissenschaftliche und persönliche Entwicklung herausstellte. Ursprünglich wollte ich nur einige Monate bleiben, doch daraus sind nun fast zwei Jahrzehnte geworden. In Innsbruck fand ich meine berufliche Heimat und den idealen Platz, um meine Ideen umzusetzen. Heute liegt mein Forschungsschwerpunkt im Bereich der ultrakalten Quantengase. Ich beschäftige mich mit exotischen Materiezuständen und fundamentalen Quantenphänomenen, die langfristig auch Anwendungen in der Quantensimulation oder den Materialwissenschaften finden könnten. Besonders fasziniert mich, wie sich abstrakte theoretische Konzepte experimentell realisieren lassen. Derzeit leite ich eine Forschungsgruppe, die sich mit neuen Quantenphasen beschäftigt. Wir setzen modernste Lasertechnologie ein, um einzelne Atome auf wenige Nanokelvin abzukühlen und so neue physikalische Regime zu erschließen. Die Möglichkeit, Materie in solch kontrollierten Zuständen zu untersuchen, erweitert unser Verständnis und könnte Grundlagen für zukünftige technologische Entwicklungen legen. Es ist mir besonders wichtig, junge Menschen, insbesondere Mädchen, die heute in Physikstudiengängen noch unterrepräsentiert sind, für die Naturwissenschaften zu begeistern. Als Mentor*in setze ich mich dafür ein, dass sich alle – unabhängig vom Geschlecht – in der Physik und verwandten Disziplinen willkommen fühlen und die Wissenschaft voranbringen können. Die Quantenwissenschaften bieten enorme Chancen, und denkt mal darüber nach: Elektronen, Schwerkraft und Atome kümmern sich nicht um Geschlecht – genauso wenig wie das Physikstudium! Wir haben deshalb die Plattform www.atominnen.at ins Leben gerufen! 6.1 Univ.-Prof. Dr. Francesca Ferlaino ist Professorin für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck und Wissenschaftliche Direktorin am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck. Im Jahr 2023 wurde sie mit dem Grete Rehor- Staatspreis, dem österreichischen Staatspreis für Frauen, für ihr Engagement zur Geschlechtergleichstellung in der Quantenphysik ausgezeichnet. 2024 folgte die Ehrung als „Österreicherin des Jahres“ in der Kategorie Forschung. 6 Einblicke in aktuelle Forschung Auf diesen Seiten erfährst du, – Details aus dem Forschungsalltag von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern. – mehr über die fachlichen Hintergründe und die Entwicklung, die man als Forscherin bzw. Forscher durchmacht. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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