130 VIEL | SEITIG 6 Die Ringparabel stellt die Schlüsselszene in Gotthold Ephraim Lessings Drama Nathan der Weise dar. Lies den Textausschnitt. Nathan. So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, Auf einen Vater endlich von drei Söhnen; Die alle drei ihm gleich gehorsam waren, Die alle drei er folglich gleich zu lieben Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald Der dritte, sowie jeder sich mit ihm Allein befand, und sein ergießend Herz Die andern zwei nicht teilten, würdiger Des Ringes; den er denn auch einem jeden Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen. Das ging nun so, solang es ging. Allein Es kam zum Sterben, und der gute Vater Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort Verlassen, so zu kränken. Was zu tun? Er sendet in geheim zu einem Künstler, Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes, Zwei andere bestellt, und weder Kosten Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich, Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, Kann selbst der Vater seinen Musterring Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft Er seine Söhne, jeden insbesondre; Gibt jedem insbesondre seinen Segen, Und seinen Ring, und stirbt. Du hörst doch, Sultan? Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt). Ich hör, ich höre! Komm mit deinem Märchen Nur bald zu Ende. Wird’s? „Die Betrachtung der Ringe“. (Freie Interpretation der Ringparabel), Gemälde, 1845, von Moritz Daniel Oppenheim (1800–1882). Nathan. Ich bin zu Ende. Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht Erweislich; […] Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise, abrufbar unter: https://www.projekt-gutenberg.org/lessing/nathan/ chap004.html (abgerufen am 25.03.2025) a) Halte deine ersten Gedanken nach dem Lesen schriftlich fest. b) Überlege, was Lessing mit der Ringparabel23 aussagen möchte. Parabeldeutung In einer Parabel wird in epischer Kurzform ein Gleichnis erzählt, welches die Lesenden belehren soll. Die Lehre wird aus der Entschlüsselung des Inhalts gezogen, die jede Leserin und jeder Leser durch Interpretation selbst bewerkstelligen muss. Hilfreich dafür ist zu wissen, dass eine Parabel aus zwei Ebenen besteht: Bildebene und Sachebene. Bildebene: Die Geschichte, die der Text tatsächlich erzählt. Sachebene: Die Bedeutung des Textes, die sich Lesende aus dem Text erschließen. Zwischen Bild- und Sachebene gibt es (mindestens) einen Vergleichspunkt – das Tertium comparationis – den beide gemeinsam haben. A 50 1 5 10 15 20 25 30 35 40 23 Lessing hat die Parabel in abgewandelter Form aus dem Werk Il Decamerone vom italienischen Dichter Giovanni Boccaccio übernommen. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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