165 2 SCHRIFTLICHE KOMPETENZ 1 MÜNDLICHE KOMPETENZ 3 TEXTKOMPETENZ 4 LITERARISCHE BILDUNG 6 SPRACHLABOR 5 MEDIALE BILDUNG VIEL | SEITIG 6 Hinterlassen hat er kein einziges geschriebenes Wort. Lieber suchte Sokrates die Konfrontation im dialogischen Gespräch. Der Diskurs war die Grundlage zur Meinungsbildung, der Marktplatz von Athen der wichtigste Ort für den Austausch von Argumenten. Mit dem Buchdruck veränderte sich die Art und Weise, wie Standpunkte geäussert und verbreitet werden konnten. Flugblätter, Pamphlete, Zeitungen und Journale waren die neuen Meinungsmarktplätze, aus der Mündlichkeitskultur wurde eine Kultur der Schriftlichkeit. Aufklärung, Bildung, Bürgerrechte ermutigten zum selbständigen Denken, die öffentliche Meinung wurde zum regulativen Kontrollorgan. Sie brachte Regierungen an die Macht und Könige zu Fall. Doch die technologische Entwicklung war noch immer Lichtjahre von der Gegenwart entfernt. Erst dank Internet und sozialen Netzwerken ist der Schlagabtausch von Meinungen in diesem schwindelerregenden Tempo möglich. Sokrates Idee vom „dialogischen Gespräch“ ist einem digitalen Marktgeschrei gewichen. Das Beharren auf dem eigenen Standpunkt, das Abfeuern von Meinungen aus dem Schutz des virtuellen Bunkers, hat die Debatte verdrängt. Die Atomisierung der öffentlichen Meinung ist die Folge. In ihren Bubbles kann man meinen und glauben, was man will. (fh.) […] Was ist dagegen einzuwenden, dass alle alles meinen dürfen? […] das Justieren der eigenen Perspektive [ist] ein Vorgang, der in den sozialen Netzwerken gerade nicht üblich ist, geschweige denn gefördert wird. An Meinungen wird stur festgehalten, höchst selten wird irgendwo nachgegeben. […] Stattdessen entscheidet der Hebel der höheren Reichweite darüber, welches Argument sich durchsetzt. [Der deutsche Philosoph Jürgen] Habermas erklärt, die digitalen Plattformen ersetzten nur scheinbar die Zeitung, das Radio und den Fernseher, die die bürgerliche Öffentlichkeit geformt haben. Die Gatekeeper-Funktion des Journalismus wird heute viel geschmäht, Jürgen Habermas hingegen verteidigt sie vehement. Die traditionellen Medien ermöglichten einen „informierten Meinungspluralismus“, bei dem sich die Bevölkerung bedienen könne, bevor es an die Urne gehe. Ohne journalistische Filter, so ist Habermas überzeugt, muss die demokratische Öffentlichkeit in der Informations- und Desinformationsflut ertrinken. [...] Die sozialen Netzwerke bewirken eine Meinungsinflation: Die Quantität der Meinungen nimmt zu, ihre durchschnittliche Qualität ab. Der Tech-Industrie nützt, der demokratischen Öffentlichkeit schadet es. In einer Welt, in der Wahrheit und Fake News nicht mehr auseinandergehalten werden, „würde kein Kind aufwachsen können, ohne klinische Symptome zu entwickeln“, schreibt Habermas. Den Plattform-Unternehmern als „unverantwortlichen Vermittlern“, wie der Philosoph sie nennt, scheinen diese Konsequenzen jedoch egal zu sein. [...] Dabei wären für Habermas nicht weniger, sondern mehr Aufsicht und Verantwortungsübernahme vonnöten. Die Musks und Zuckerbergs müssten für sämtliche News haften, die auf ihren Plattformen veröffentlicht werden. [...] (lsö.) https://www.nzz.ch/feuilleton/ganz-meine-meinungld.1866111 (Der Artikel ist in Schweizer Deutsch verfasst; abgerufen am 24.11.2025) a) Klärt in Paararbeit Verständnisschwierigkeit und unbekannte Wörter. Recherchiert gegebenenfalls die Bedeutungen. b) Erklärt die Bedeutung des Wortes „Gatekeeper-Funktion“. c) Nennt all jene Medien, die im Laufe der Menschheitsgeschichte zum Meinungsaustausch verwendet wurden bzw. heute verwendet werden und haltet diese auf einem Zeitstrahl fest. d) Besprecht zu zweit, welche zentrale These die Autorschaft über Meinungen vertritt. Geht dabei besonders auf die Rolle der öffentlichen Meinungsäußerung im digitalen Raum ein. e) Formuliert schriftlich drei sinnvolle Regeln der respektvollen Meinungsäußerung im digitalen Raum und diskutiert diese anschließend im Plenum. 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90 95 100 105 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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