viel|seitig 6, Schulbuch

191 VIEL | SEITIG 6 Bär oder kein Bär, das ist hier die Frage!2 „Problembär“ hat im Jahr 2006 bei der Wahl zum Wort des Jahres in Deutschland den siebten Platz erreicht.3 Seit versucht wird, in den Wäldern Mitteleuropas wieder Braunbären anzusiedeln, kommt dieser Ausdruck immer wieder auf, um Bären zu beschreiben, die für Schäden in der Landwirtschaft oder Einrichtungen verantwortlich sind und eventuell für Menschen gefährlich werden könnten. Interessante Positionen dazu wirft Muzayen Al-Youssef im Beitrag „Tieren keinen Namen zu geben wird sie nicht retten“ auf.4 Aber es kann doch nicht sein, dass diese Tiere, die mit Mühe wiederangesiedelt werden sollen, plötzlich als Problem gelten! Ab Mitte des 19. Jahrhunderts haben Braunbären in Österreich als ausgerottet gegolten. Dank eines Wiederansiedlungsprojektes hat bis vor kurzem eine kleine Gruppe von Bären in Niederösterreich gelebt, allerdings haben um diese Zeit auch die Beschwerden wegen größerer Schäden wie etwa gerissenem Vieh angefangen: Die Medien haben den Begriff „Problembär“ geprägt, auch Al-Youssef spricht in ihrem Kommentar über den schmalen Grat zwischen Wildtier und „Problemtier“.5 Die zunächst medial stattfindende Personifizierung mittels Namensgebung steht in Kontrast zu Vorfällen, bei denen Bruno und Co. natürliches, aber von Menschen nicht erwünschtes Verhalten an den Tag legen. Braunbären spielen eine wichtige Rolle in Ökosystemen. Generell ist es wichtig, große, fleischfressende Tiere in den Wäldern zu haben, da sie kranke und schwache Tiere erlegen, womit sie Überpopulationen verhindern, durch die das Gleichgewicht des Ökosystems gestört werden könnte. Das schlechte Bild, das die Bevölkerung von Bären hat, ist vor allem den Medien zu verdanken, die diese Tiere immer wieder als schreckliche Monster und skrupellose Serienmörder darstellen und damit Angst schüren. Die Wahrheit jedoch ist, dass Braunbären Menschen für gewöhnlich nicht angreifen, sondern die Flucht ergreifen, wenn sie nicht gerade verletzt sind oder man auf ein Muttertier mit Kindern trifft. In den wenigen Fällen, in denen ein Braunbär tatsächlich einen Menschen tötet, ist das nicht selten auf ein unvorsichtiges oder sogar provokantes Verhalten vonseiten der Menschen zurückzuführen. Der arme Bär hat sich also bloß gefürchtet – laut dem österreichischen Gesetz ist Notwehr nicht strafbar, wieso sollte es bei einem Bären anders sein? Jedes Jahr werden einige Menschen von Braunbären angegriffen und dabei getötet. Wenn ihnen das viel erscheint, sollten Sie sich einmal vor Augen halten, dass in den USA jedes Jahr mehr als eine Million Menschen in Verkehrsunfällen sterben, im Vergleich dazu ereignen sich dort pro Jahr durchschnittlich zwei tödliche Bärenattacken. Anstatt Bären zu erschießen, sollten die Ressourcen also lieber in die Verkehrssicherheit investiert werden!6 Die meisten Menschen gehen gerne in den Zoo und ergötzen sich am Anblick der exotischen Tiere, denen sie in freier Wildbahn wahrscheinlich niemals begegnen werden. Passiert das allerdings doch einmal, verwandelt sich das zuvor noch angenehme Schaudern und die Faszination für alles Unbekannte in Angst und Schrecken. Sie werden doch zustimmen, dass an dieser Verblendung keineswegs die Bären oder andere Wildtiere schuld sind! Anstatt sich Bären zugleich herbeizusehnen und, sobald sie einen falschen Schritt machen, gleich wieder wegzuwünschen, sollte lieber eines der vielen anderen, im Vergleich zum „Problembär“, echten Probleme angegangen werden!7 (499 Wörter) 2 ➡anregende Überschrift 3 ➡Interesse der Leserin/des Lesers wecken, in diesem Fall durch Bezug zu Ereignissen des Weltgeschehens 4 ➡verkürzte Referenz auf Ausgangstext 5 ➡eigene Position wird dargelegt 6 ➡eigene Position wird dargelegt 7 ➡abschließender Appell und Lösungsvorschlag Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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