193 VIEL | SEITIG 6 Drei Fakten zur Literatur des Mittelalters • Das Zentrum der Bildung sind im Mittelalter zunächst Klöster. Hier werden von den Mönchen Handschriften angefertigt und Texte, denen eine lange mündliche Tradition vorangeht, schriftlich festgehalten. Deswegen haben die meisten Texte einen religiösen Inhalt. Das ändert sich erst, als sich der Bildungs- und Literaturbetrieb im Hochmittelalter auf die Höfe und noch später in die aufstrebenden Städte verlagert. • Das heutige Wissen über die mittelalterliche Literatur (insbesondere aus dem Frühmittelalter, bzw. Texte in Volkssprache) basiert auf den wenigen schriftlich überlieferten Textzeugnissen dieser Zeit. Viele dieser Texte sind nur fragmentarisch erhalten geblieben. Karl der Große ließ die germanischen Heldenlieder sammeln und aufschreiben, sein Sohn Ludwig der Fromme wiederum ließ viele dieser Texte – vor allem jene, die nicht dem christlichen Denken entsprachen – verbrennen. • Weltliche Frauen, die im Mittelalter einer höheren Gesellschaftsschicht angehören, treten als Gönnerinnen der Literatur auf oder ihnen werden Texte gewidmet. So hat Otfried für eine „matrosam Iudith“ geschrieben, Herzogin Mathilde von Sachsen gab das deutsche Rolandslied in Auftrag und der Parzival ist einer (bis heute) unbekannten Frau gewidmet. Wenige Frauen sind im Mittelalter selbst als Autorinnen tätig. Sie stammen aus dem geistlichen Bereich, insbesondere aus Klöstern. Statt die klassische Frauenrolle als Mutter zu erfüllen, können sie hier höhere Bildung erfahren, die das Lesen und Schreiben sowie die Sprache Latein beinhaltet. Bekannte Frauen, die Texte in lateinischer Sprache verfasst haben, sind Hrotsvit von Gandersheim, Herrad von Landsberg und die Mystikerinnen Hildegard von Bingen und Elisabeth von Schönau. Frau Ava gilt als erste Frau, die sich in ihrem volkssprachlichen Text namentlich selbst erwähnt. Als besonders skandalös gelten damals die religiösen Texte von Mechthild von Magdeburg aufgrund ihrer erotisch anmutenden Beschreibungen. Gattungen: Entstehung, Vertreterinnen/Vertreter und Textsorten Epik • Im Frühmittelalter (750–1170) entstehen Glossen, die mit ihren Einwortübersetzungen und Erklärungen bei der Vermittlung von (meist) lateinischen Texten (z. B. Bibel) helfen sollen. Der Abrogans deutsch wird heute als das älteste erhaltene Buch der deutschen Sprache bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine lateinisch-althochdeutsche Synonymsammlung mit dem Zweck, den Germanen christliche Inhalte näher zu bringen. • Religiöse Texte werden zunächst in lateinischer Sprache verfasst. Im Laufe des Frühmittelalters kommt es aber zu einem vermehrten Einsatz des Althochdeutschen. Hervorzuheben ist hier besonders Otfrid von Weißenburg mit seiner Evangelienharmonie (ca. 865), in der er die Stoffe der vier Evangelien in Mundart wiedergibt. Sein Werk ist ausschlaggebend für die Entwicklung des Endreims, der den Stabreim der germanisch-heidnischen Dichtung ablöst. • Nach dem Vorbild der germanischen Heldenlieder (z.B. Hildebrandslied) entsteht im Hochmittelalter (1170–1250) das deutsche Heldenepos mit historischem Kern. Das bekannteste Beispiel ist das Nibelungenlied (aufgeschrieben Anfang des 13. Jahrhunderts) eines unbekannten Verfassers bzw. einer unbekannten Verfasserin. Im Nibelungenlied verschmelzen mehrere Sagenstoffe miteinander. Inhaltlich ist das Heldenepos im Vergleich zum höfischen Epos oft von germanischen Idealen und einer gewissen Brutalität geprägt. • Die höfischen Epen stützen sich, ausgehend von den Erfahrungen der Kreuzzüge, auf das neue Ideal des Ritterstands. In den Texten werden Ritter als vollkommene Menschen mit Vorbildcharakter hochstilisiert. In den sogenannten âventuiren der höfischen Epen wird der Lebensweg eines Ritters geschildert, der Abenteuer bestehen muss und auf Irrwege gerät, um sich schlussendlich in den Tugenden des Rittertums zu beweisen und Ruhm und Ehre zu Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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