89 2 SCHRIFTLICHE KOMPETENZ 1 MÜNDLICHE KOMPETENZ 3 TEXTKOMPETENZ 4 LITERARISCHE BILDUNG 6 SPRACHLABOR 5 MEDIALE BILDUNG VIEL | SEITIG 6 Lücken so ängstlich fühlt und kontrolliert, ist schon ein Symptom dafür, dass er der Bildung von außen her beizukommen weiß und sie als etwas durch Arbeit zu Erwerbendes ansieht […]. Und Herr Meier liest zum Vergnügen, das heißt aus Langeweile. Er hat Zeit, er ist Rentner, und er hat sogar weit mehr Zeit, als er aus eigenen Kräften hinzubringen weiß. Also müssen die Schriftsteller ihm helfen, seinen langen Tag umzubringen. Er liest Balzac wie er eine gute Zigarre raucht, und er liest Lenau wie er eine Zeitung liest. Nun sind aber dieselben Herren Müller und Meier, ebenso wie ihre Frauen, Söhne und Töchter, in anderen Dingen gar nicht so wahllos und unselbständig. […] Der Leser, der Zeitvertreib und Erholung sucht, und jener, dem es um die Bildung zu tun ist, vermutet in den Büchern irgendwelche verborgenen Kräfte der Erfrischung und geistigen Hebung, die er jedoch nicht genauer kennt und abzuschätzen weiß. Darum tut er wie ein unkluger Kranker, der in einer Apotheke viele gute Mittel verwahrt weiß und sich darum daran macht, die Apotheke Fach für Fach und Glas für Glas durchzukosten. Und doch wäre, wie in der wirklichen Apotheke, so auch im Buchladen und in der Bibliothek für jeden das rechte Kraut zu finden und es könnte jeder, statt sich zu vergiften und zu überfüllen, Stärkung und Erfrischung dort holen. Es ist für uns Autoren angenehm, dass so viel gelesen wird, und es ist vielleicht unklug, wenn ein Autor findet, es werde viel zuviel gelesen. Aber auf die Dauer macht eben doch ein Beruf wenig Freude, den man überall mißsverstanden und mißbraucht sieht, und zehn gute, dankbare Leser sind, trotz der kleineren Tantiemen, besser und erfreulicher als tausend gleichgültige. Darum wage ich es und behaupte, es wird allerwärts zu viel gelesen, und es geschieht mit diesem Viellesen der Literatur gar keine Ehre, sondern ein Unrecht. Die Bücher sind nicht dazu da, unselbständige Menschen noch unselbständiger zu machen, und sie sind noch weniger dazu da, lebensunfähigen Menschen ein wohlfeiles Trug- und Ersatzleben zu liefern. Im Gegenteil, Bücher haben nur einen Wert, wenn sie zum Leben führen und dem Leben dienen und nützen, und jede Lesestunde ist vergeudet, aus der nicht ein Funke von Kraft, eine Ahnung von Verjüngung, ein Hauch von neuer Frische sich für den Leser ergibt. […] Wenn es so wäre und geschähe, so würde kaum mehr der zehnte Teil von dem gelesen, was jetzt gelesen wird, und wir alle wären zehnmal froher und reicher. Und wenn es dazu führte, daß unsere Bücher nimmer gekauft werden, und wenn das wieder dazu führe, daß wir Autoren zehnmal weniger schrieben, so wäre dies für die Welt durchaus kein Schaden. Denn freilich, es steht um das Schreiben nicht besser als um das Lesen. Hesse, Hermann (1977): Welt der Bücher. abrufbar unter: http://www.buecherlei.de/fab/hesse/uelesen.htm (abgerufen am 25.03.2025; alte Rechtschreibung). a) Vergleiche deine Gedanken zum Text mit deiner Sitznachbarin oder deinem Sitznachbarn. b) Diskutiert in Kleingruppen die Botschaft von Hesses Text und geht dabei insbesondere auf das folgende Zitat ein. „Die meisten Menschen verstehen nicht zu lesen, und die meisten wissen nicht recht, warum sie lesen.“ Hermann Hesse (1877–1962), deutscher Schriftsteller 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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