108 VIEL | SEITIG 6 Mit ihrer Rolle hat sie trotzdem zu kämpfen. In einem Text schreibt sie über sich selbst: Mit Leichtigkeit erhob ich mich, Verflogen die tränenselige Trägheit, Die meine Verzweiflung noch vermehrt hatte. Plötzlich hatte ich ein starkes, kühnes Herz, Was mich verwunderte, doch ich spürte: Ich war tatsächlich ein Mann geworden. […] Wie Ihr hört, bin ich noch immer ein Mann. Bin es länger als geschlagene dreizehn Jahre. Doch eigentlich wäre ich viel lieber Wieder wie früher eine Frau. de Pizan, Christine: Das Buch von der Stadt der Frauen. Übersetzt u. herausgegeben von Margarete Zimmermann (2024). Berlin: AvivA, S. 336 f. Christine de Pizan sagt über sich selbst „Ich war tatsächlich ein Mann geworden.“ a) Stelle Vermutungen dazu an, weshalb sie – ausgehend von ihrer Lebenssituation – zu diesem Urteil kommt. b) Diskutiert außerdem, weshalb sie sich danach sehnen könnte, wieder mehr in ihrer Frauenrolle zu sein. In Die Stadt der Frauen fordert Christine de Pizan uneingeschränkte Bildung für alle Frauen. Lies den Textausschnitt. In Anschluss daran sagte ich, Christine, Folgendes: „Edle Frau, ich erkenne in aller Deutlichkeit, wie viele bedeutende Wohltaten den Frauen zu verdanken sind; […]Ähnliches gilt für all das, was den weisen und in Künsten und Wissenschaften ausgebildeten Frauen, von denen zuvor die Rede war, zu verdanken ist. Sehr wundern muss ich mich deshalb über die Auffassung einiger Männer, die sagen, sie seien dagegen, ihre Töchter, Frauen oder weiblichen Verwandten, eine der Wissenschaften erlernen zu lassen, weil dies der Moral abträglich sei.“ Antwort: „Dies beweist dir lediglich, dass nicht alle Männermeinungen auf der Vernunft gründen und jene Männer Unrecht haben. Denn man kann nicht behaupten, der Umgang mit den Moralwissenschaften, die ja die Tugend lehren, schade den Sitten: Vielmehr verbessern und verfeinern sie diese. Es ist also weder vorstellbar noch glaubhaft, dass eine Person, der gute Lektion und Lehre zuteil werden, dadurch Schaden nimmt! Das ist völlig aus der Luft gegriffen! […] So meinte etwa vor knapp sechzig Jahren der berühmte Jurist Giovanni Andreae aus dem reichen Bologna keineswegs, Bildung sei für Frauen von Nachteil und ließ deshalb seine schöne, gutherzige Tochter Novella, die er über alle Maßen liebte, das Schrifttum und die Gesetze studieren. Sie war darin so beschlagen, dass der Vater sie damit beauftragte, an seiner statt die Studenten vom Katheder aus zu unterrichten, wenn er selbst aus irgendwelchen Gründen verhindert war, Kolleg zu halten. Damit ihre Schönheit ihre Zuhörer nicht ablenkte, stand sie hinter einem kleinen Vorhang. Auf diese Weise vertrat und unterstützte sie ihren Vater in seiner Tätigkeit. Dieser liebte sie so sehr, dass er einer berühmten Interpretation eines Gesetzeswerkes den Namen seiner Tochter, Novella, verlieh. Nicht alle Männer, und am wenigsten die weisesten unter ihnen, sind also der zuvor zitierten Meinung, dass Bildung den Frauen schadet. Eins steht jedoch fest: Zahlreiche Männer, die selbst nicht besonders klug sind, vertreten dies, weil es ihnen missfälle, wenn Frauen ihnen an Wissen überlegen wären. Dein eigener Vater, ein bedeutender Naturwissenschaftler und Philosoph glaubte keineswegs, das Erlernen einer Wissenschaft gereiche einer Frau zum Schaden; wie du weißt, machte es ihm Christine de Pizan im Studierzimmer 1 5 10 A 14 A 15 1 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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