viel|seitig 6, Schulbuch

114 VIEL | SEITIG 6 Aufbau einer Eulenspiegelgeschichte Oft sind die Eulenspiegelgeschichten nach dem folgenden Muster aufgebaut. Till kommt in eine neue Stadt – Name der Stadt – Till findet eine Arbeit – Till arbeitet fleißig – Meister weist oft eine negative Eigenschaft auf Till erhält einen Auftrag Till erfüllt den Auftrag allerdings wortwörtlich oder auf ungewohnte Weise Meister ist oft währenddessen nicht da (verreist muss etwas erledigen, wird von Till weggeschickt) Meister kommt zurück Till flüchtet – Meister hat Schaden und Spott – Till ist über alle Berge – sieht das Werk Tills/ den Schaden – ärgert sich Die humorvollen Schwänke rund um Till Eulenspiegel erfreuen sich noch heute großer Beliebtheit und führten damals wie heute zu zahlreichen Nachahmungen und Adaptionen. Auch Daniel Kehlmann, ein deutsch-österreichischer Autor der Gegenwartsliteratur, verarbeitet den Stoff in seinem Roman Tyll. Lies einen Textausschnitt daraus. „Tyll“, sagte der König. „König?“, sagte der Narr. „Mach etwas.“ „Wird dir die Zeit zu lang?“ Der König schwieg. […] „Das mach ich gern.“ Der Narr beugte sich vor. „Sieh mir in die Augen.“ Zweifelnd blickte der König den Narren an. Die spitzen Lippen, das dünne Kinn, das gescheckte Wams, die Kappe aus Kälberfell; einmal hatte er ihn gefragt, warum er diesen Aufzug trage, ob er sich wohl als Tier verkleiden wolle, worauf der Narr geantwortet hatte: „Oh nein, als Mensch.“ Dann tat er wie geheißen und sah ihm in die Augen. Er blinzelte. Unangenehm war es, denn er war es nicht gewohnt, den Blick eines anderen Menschen auszuhalten. […] Ihm fiel die weiße Leinwand ein. Sie hing in seinem Thronsaal und hatte ihm zunächst viel Freude gemacht. „Sag den Leuten, dass dumme Menschen das Bild nicht sehen, sag ihnen, nur Hochwohlgeborene sehen es, sag es einfach, und du wirst ein Wunder erleben!“ Es war zum Brüllen gewesen, wie die Besucher sich verstellt und das weiße Bild kennerisch angeschaut und genickt hatten. Natürlich hatten sie nicht behauptet, das Bild tatsächlich zu sehen, niemand war so ungeschickt, und fast allen war sehr wohl klar, dass da bloß eine weiße Leinwand hing. Aber erstens waren sie sich eben doch nicht ganz sicher, ob nicht irgendeine Magie wirkte, und zweitens wussten sie ja nicht, ob Liz und er womöglich daran glaubten – und von einem König der Dummheit oder der niederen Abkunft verdächtigt zu werden, war letztlich genauso schlimm, wie dumm oder von niederer Abkunft zu sein. Selbst Liz hatte nichts gesagt. Selbst sie, seine wunderbare, schöne, aber letztlich nicht immer sehr kluge Gemahlin, hatte das Bild angesehen und geschwiegen. Selbst sie war sich nicht sicher gewesen, natürlich nicht, sie war nur eine Frau. Er hatte sie darauf ansprechen wollen. […] Aber A 23 1 5 10 15 20 25 30 35 40 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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