201 VIEL | SEITIG 6 Drei Fakten zur Literatur des Barock • Die Leitmotive des Barock Vanitas, Carpe Diem und Memento mori zeigen sich auch in der Literatur. Die Vergänglichkeit ist das beliebteste Motiv in der Kunst und Literatur dieser Zeit. Gleichzeitig wird eine drängende, gierige Lebens„freude“ im Anblick des Todes dargestellt. Dieser Widerspruch ergibt sich aus der Lebensrealität der Menschen: Den wenigen Reichen, die prunkvolle Feste feiern, steht der Großteil der Bevölkerung in absoluter Armut gegenüber. Der Krieg und die damit einhergehenden Hungersnöte und Seuchen zeigen den Menschen, dass das Leben vergänglich ist und jederzeit enden kann. Somit gehen Lebensgier und Todesgewissheit Hand in Hand. Die Widersprüche führen dazu, dass unter anderem die Sprache in dieser Zeit durch strenge Vorgaben geregelt wird. Dem herrschenden Chaos soll eine konstante Ordnung in der Literatur gegenüberstehen. • Dieser Wunsch nach Ordnung führt zur Gründung von Sprachgesellschaften. Diese wollen die Sprache von Fremdwörtern und Dialekten bereinigen und wichtige Werke der Weltliteratur ins Deutsche übersetzen. Die deutsche Sprache soll fortan für die hohe Dichtkunst angemessen sein. Martin Opitz verfolgt mit seinem strengen Regelwerk Das Buch von der Deutschen Poeterey (1624) die Ansicht, dass das Dichten erlernbar sei. • Erste Tages- und Wochenzeitungen kommen auf. Die erste deutschsprachige Wochenzeitung erscheint 1609 in Wolfenbüttel, die erste Tageszeitung 1650 in Leipzig. Die Wiener Zeitung10 erscheint erstmals 1703. Gattungen: Entstehung, Vertreterinnen/Vertreter, Textsorten Epik • Die epische Großform des Romans erfreut sich im Barock großer Beliebtheit. • Die Huldigung des Herrschers steht beim heroisch-galanten Roman im Vordergrund. Diese Romane sind oft riesigen Umfangs (in mehreren Bänden). Die eigentliche Romanhandlung wird von ausschweifenden Berichten und Registern der damaligen Zeit begleitet. Ein Beispiel hierfür ist der unvollständig gebliebene Roman Großmüthiger Feldherr Arminius (1689) von Daniel Casper von Lohenstein mit seinen über 3 000 doppelspaltigen Seiten. • Die deutschen Autorinnen und Autoren der Barockzeit suchen ihre Vorbilder teilweise in spanischen Texten. So entstehen ausgehend von den spanischen Picaro-Romanen die deutschsprachigen Schelmenromane. In deren Zentrum steht als Protagonist ein meist einfältig wirkender Tor niedrigen Standes, der sich in der Welt behaupten muss und dabei – kettenartig aneinandergereiht – witzige Abenteuer erlebt. Meist wird durch ihn als Außenseiter ein satirischer Blick auf die Gesellschaft gewährt. Das berühmteste deutschsprachige Beispiel das sich (aus der Sicht eines naiven Jungen) mit den Schrecken des 30-jährigen Krieges auseinandersetzt, ist Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. • Das idyllische Leben, das im Kontrast zum Krieg steht, ist das Hauptmotiv der Schäferromane. Hier steht die reine Gefühlswelt der Schäferinnen und Schäfer im Fokus. Es wird eine Welt dargestellt, in der es keinerlei Schrecken gibt. Lyrik • Die Lyrik des Barock will die Zerissenheit der Menschen der damaligen Zeit abbilden. • Als idealtypische Form zählt das Sonett, das bei Strophe, Versform, Silben und Reimen einem strengen Schema folgt. Mit dieser starken Reglementierung11 soll dem allgegenwärtigen Chaos entgegengewirkt werden. Berühmte Sonette aus der Barockzeit stammen von Andreas Gryphius (z. B. Tränen des Vaterlandes, 1636). 10 Seit Juli 2023 erscheint die Wiener Zeitung nur noch online. 11 durch Vorschrift geregelt Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
RkJQdWJsaXNoZXIy MTA2NTcyMQ==