viel|seitig 6, Schulbuch

205 VIEL | SEITIG 6 Drei Fakten zur Literatur der Aufklärung • Der Buchmarkt verändert sich rapide in der Zeit der Aufklärung. Schriftstellerinnen und Schriftsteller können sich langsam von den sie fördernden Fürsten lösen. Diese Entwicklung ist durch den rasant steigenden Buchdruck begünstigt, der zu einem arbeitsteiligen Markt mit festen Buchpreisen führt. Trotzdem können zu dieser Zeit nur wenige Schreibende von der Schriftstellerei leben. Gleichzeitig gibt es einen Aufschwung von Zeitungen und Zeitschriften. • Die Vernunft ist prägend für das Gedankengut und die Literatur der Zeit der Aufklärung. Philosophische Wegbegleiter sind: – der Rationalismus: Das Denken ist hier wichtiger als die Erfahrung. Der Rationalismus geht auf den französischen Philosophen René Descartes und seinen Leitsatz „Ich denke, also bin ich“ (lat. cogito ergo sum) zurück. – der Empirismus: Die Sinneserfahrungen sind wichtiger als der Verstand. Der Empirismus geht auf den britischen Philosophen John Locke zurück. – der Kritizismus: Es braucht Verstand und Erfahrungsprinzipien. Dieses Bindeglied zwischen Rationalismus und Empirismus geht auf Immanuel Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) zurück. Die Vernunft soll wie ein Licht die Dunkelheit der alten Glaubenssätze vertreiben. Dafür steht sinnbildlich der Begriff „Aufklärung15“. • Nicht nur die reine Vernunft ist in dieser Zeit für die Literatur relevant, auch das Herz, die Gefühle und Empfindungen treten in den Vordergrund. Mit diesen Themen setzen sich die Autorinnen und Autoren der Empfindsamkeit auseinander. Aus der Empfindsamkeit stammt der erste „Frauenroman16“ von Sophie von La Roche (Geschichte des Fräuleins von Sternheim). Gattungen: Entstehung, Vertreterinnen/Vertreter, Textsorten Epik • Die Literatur der Aufklärung will Nutzen und Unterhaltung miteinander verbinden. • Epische Kurzformen, die sowohl unterhalten als auch belehren wollen, entstehen. Fabeln, Parabeln oder Aphorismen in einfacher, bildhafter Sprache verfasst, sollen das Publikum zum Nachdenken anregen. • Auch die epische Langform, der Roman, stand im Zeichen der Vernunft und moralischen Belehrung. Beeinflusst wurden die deutschsprachigen Autorinnen und Autoren von der englischen Literatur, etwa Daniel Defoes Robinsonade oder von der französischen Philosophie, etwa Jean-Jacques Rousseaus Idee der Naturnähe. Als großer erster Bildungsroman in Deutschland gilt Christoph Martin Wielands Die Geschichte des Agathon. • Einen Beitrag zu Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts leisten die vielen neu gegründeten Wochen- und Monatszeitschriften, in denen unter anderem Essays publiziert werden. Lyrik • Mit ihren unterhaltsamen und belehrenden Inhalten erfährt die Fabel in der Aufklärung einen Aufschwung. Fabeln können in Vers- und Prosaform verfasst sein. Inspiration finden die Dichterinnen und Dichter der Aufklärung beim griechischen Dichter Aesop, dessen Fabeln teilweise umgedichtet und auf die aktuellen gesellschaftspolitischen Umstände angepasst werden. Insbesondere für Gotthold Ephraim Lessing und Christian Fürchtegott Gellert sind Fabeln ein Mittel, um Kritik am Staat zu äußern und gesellschaftspolitische Missstände aufzuzeigen. In einer Fabel wird ein (gesellschaftliches) Problem auf die Natur- und Tierwelt übertragen. Am Ende steht eine Moral. 15 Das Verb „aufklären“ steht für die Vertreibung der Dunkelheit durch das Sonnenlicht. 16 Zur Begrifflichkeit mehr auf Seite 124f Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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