viel|seitig 6, Schulbuch

206 VIEL | SEITIG 6 • Lehrgedichte dienen der moralischen und wissenschaftlichen Aufklärung. Dabei wird beispielsweise die Suche nach einem Gottesbeweis mit Naturbeschreibungen verbunden. Teilweise verarbeiten die Dichtenden ihre Forschungen an der Natur. Beispiele dafür sind das Lehrgedicht Die Alpen von Albrecht von Haller und Der Frühling von Ewald von Kleist. Diese oft rein beschreibenden Lehrgedichte werden allerdings aufgrund ihrer fehlenden Handlung und der reinen Verklärung der Natur scharf kritisiert, beispielsweise durch Gotthold Ephraim Lessing. • Gegen den strengen Vernunftsglauben und die erzieherischen Bemühungen der Aufklärung wendet sich die Anakreontik mit ihrer scherzhaften und verspielten Lyrik. Diese Stilrichtung der europäischen Dichtung des 18. Jahrhunderts ist nach dem griechischen Dichter Anakreon benannt. Sie behandelt in einfacher, verspielter und bildhafter Sprache Themen wie Liebe, Freundschaft, Sinnesfreuden, Wein, Gesang und Geselligkeit. Dramatik • Die Dramatik der Aufklärung ist durch die gegensätzlichen Theorien von Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing geprägt. • Johann Christoph Gottsched stellt in seinem Werk Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) allgemeine Regeln für die Dichtkunst auf und orientiert sich dabei an französischen Vorbildern. Dramen, die in Versform verfasst werden, sollen unbedingt die drei Einheiten Raum, Zeit und Handlung sowie die Ständeklausel einhalten. Er wendet sich gegen die aufgeblasenen Stücke des Barock und verbannt alles Absurde – wie die Gestalt des Hanswurst – von den deutschen Theaterbühnen. Ein Musterstück für seine Dramentheorie ist Sterbender Cato (1731). • Gotthold Ephraim Lessing beschäftigt sich ebenfalls theoretisch und anwendungsorientiert mit dem Aufbau von Dramen. In seinem Werk Hamburgische Dramaturgie (1767–1769), das zahlreiche Theaterkritiken beinhaltet, wendet er sich gegen Gottsched und insbesondere die Ständeklausel. Er führt die Mitleidstheorie ein. Dieser zufolge soll die Tragödie unsere Fähigkeit zur Empathie, erweitern. Das wird erreicht, indem die Zusehenden die unverschuldet Leidenden als Identifikationsfiguren wahrnehmen, sich ihnen nahe fühlen und eine Ähnlichkeit zu sich selbst erkennen. Dadurch steigt die Furcht, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Durch Mitleid und Furcht erfolgt die Katharsis17 bei den Zusehenden, die dadurch selbst tugendhafter werden sollen. Die drei Einheiten von Raum, Zeit und Handlung spielen für Lessing neben der Schlüssigkeit der Handlung und der Glaubwürdigkeit der Charaktere eine untergeordnete Rolle. • Mit Miss Sara Sampson (1752) begründet Lessing das deutschsprachige bürgerliche Trauerspiel, das auf seiner Theorie von Mitleid und Furcht fußt und mit der Ständeklausel bricht, indem die Figuren dem Bürgertum oder dem niederen Adel entstammen. • Ein leichter Bruch seiner eigenen Forderung nach wirklichkeitsgetreuen Figuren und einer nachvollziehbaren Handlung erfolgt im Versdrama Nathan der Weise (1779), das er nach einem theologischen Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze veröffentlicht. Darin spricht er sich mit der Frage nach der wahren Religion für die Toleranz zwischen den Glaubensrichtungen aus. 17 Reinigung Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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