viel|seitig 6, Schulbuch

48 VIEL | SEITIG 6 Textbeilage Gesellschaft Zuversicht stärken: Pädagogischer Auftrag für eine gute Zukunft Was brauchen junge Menschen, um positiv in die Zukunft blicken zu können? Die 71. Internationale Pädagogische Werktagung versucht in Salzburg von 12. bis 14. Juli Antworten darauf zu finden. Werktagungs-Präsident Andreas Paschon im Gespräch über einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag. Das Gespräch führte Viktoria Schwendenwein | 11.07.2023 Die Pädagogische Werktagung steht unter dem Motto „Zuversicht stärken“. Wie das die Resilienz stärkt, erklärt der Erziehungswissenschafter Andreas Paschon in einem Interview über Krisenkompetenz, die letzte Generation und das Vertrauen in die Demokratie. DIE FURCHE: Warum brauchen wir Zuversicht für ein gutes Leben? Andreas Paschon: Diese Frage würden Kolleg(inn)en aus der Wirtschaft oder Theologie recht unterschiedlich beantworten. Aus pädagogischer Perspektive steht außer Streit: Es geht für uns Menschen vom ersten Tag an um ein – gut begleitetes – System der Zuversicht, damit das Leben glückt. Ein Baby, das sich zunächst zwar nur mit Lauten ausdrücken kann, hat dennoch bereits so etwas wie Zuversicht, dass es in seinen Bedürfnissen verstanden wird. Gleichermaßen müssen wir als Eltern zuversichtlich sein, dass dieses kleine Bündel Leben mit unserer Hilfe gut durchstarten kann – und letztlich, wenn nötig, mithilfe des gesamten pädagogischen, psychologischen und sozialen Systems einer Gesellschaft auf seinem Weg unterstützt wird. DIE FURCHE: Das heißt: ohne Zuversicht keine funktionierende Gesellschaft? Paschon: Das könnte man so sagen. Es braucht eine kritische Masse an zuversichtlichen Menschen, um kollektiv15 wieder aus Krisen herauszukommen. Wir sind momentan in so einer Polykrise, in der Menschen unter die Räder kommen: Pandemie, Inflation, Kriegs- und Klimakrise. Die Pandemie hat das System und alle Generationen spezifisch überfordert: Die Erwachsenen gerieten in eine Existenzkrise, die alten Menschen in eine Gesundheitskrise und die Kinder und Jugendlichen in eine Entwicklungskrise. Diese Krise kam schnell und heftig mit den Lockdowns, und bald war allen klar, sie wird uns lange fordern. Im Vorteil ist, wer eine gute Krisenkompetenz hat: Dazu gehören unter anderem Geduld, Ausdauer, Selbstwirksamkeitserleben, Humor und eben Zuversicht. DIE FURCHE: Was unterscheidet dann Zuversicht von Optimismus? Paschon: Optimismus und Pessimismus als Gegenpole sind die Extrempositionen. In beiden Fällen gebe ich das Heft leichtfertig aus der Hand: Wenn ich sehr pessimistisch bin, erlebe ich mich chancenlos, wenn ich übertrieben optimistisch bin, utopiere16 ich am Ziel vorbei. Sorge und Zuversicht sind hingegen in ihrer Lagebeurteilung etwas realistischer und auf der konkreten Handlungsebene deutlich aktiver. Zuversichtliche Menschen entgehen nicht Problemen, Krisen und Tod, aber sie gehen anders damit um. DIE FURCHE: Begriffe wie „Resilienz“17 und „Empowerment“ haben sich im gegenwärtigen Sprachgebrauch für alle Lebenslagen etabliert18. Welche Rolle spielen sie tatsächlich? Paschon: Diese beiden Begriffe zeigen im Sinne von „Stressresistenz“ belegbare Effekte: Resiliente Menschen sind effizienter19 in ihrer Arbeit und können die Sonnenseiten des Lebens besser genießen. Sie können Stress besser abschalten, bekommen höheren sozialen Support von Freunden und geben höheren sozialen Support an Freunde weiter – gleiches gilt für die Familie. Das sind sich aufschaukelnde Faktoren mit Auf- oder Abwärtsspiralen und daher kommt es auch auf ein Zuversicht generierendes Umfeld an. Die Erfahrung, ich kann aufgrund meiner Resilienz tatsächlich Probleme vermeiden, 1 5 10 15 20 25 15 gemeinschaftlich, zusammen 30 35 40 45 50 16 Utopie: positive Scheinwelt/ Wunschwelt, die keine Wirklichkeit werden wird 55 17 Anpassungsfähigkeit/ psychische Widerstandskraft in herausfordernden Situationen 60 18 hier: eingebürgert, durchgesetzt 19 leistungsfähiger (viel Arbeit in kurzer Zeit und mit wenig Aufwand schaffen) 65 70 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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