Treffpunkt Deutsch 4 - Deutsch Sprachlehre, Arbeitsheft

3 Eine Figurencharakteristik planen und verfassen Literarische Figuren charakterisieren Lies den folgenden Romanauszug und schildere knapp die Situation. Orientiere dich an den W-Fragen (der Ich-Erzähler ist Rico). Arbeite in deinem Heft. Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten Quelle: Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und die Tieferschatten. Carlsen 2008 N 1 Ich ging langsam über den Gehsteig, den Blick auf die grauen Pflastersteine am Boden gerichtet. Ich sah ein zerknülltes Duplo-Papierchen. […] Dann sah ich zwei kleine Füße mit hellen Strümpfen in offenen Sandalen. Ich hob den Kopf. Der Junge, der da vor mir stand, reichte mir gerade so bis an die Brust. Das heißt, sein dunkelblauer Sturzhelm reichte mir bis an die Brust. Es war ein Sturzhelm, wie ihn Motorradfahrer tragen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es die auch für Kinder gibt. Er sah völlig beknackt aus. Das Durchguckding vom Helm war hochgeklappt. […] „Was machst du da?“, sagte der Junge. Seine Zähne waren riesig. Sie sahen so aus, als könnte er damit ganze Stücke aus großen Tieren rausbeißen, einem Pferd oder einer Giraffe oder dergleichen. „Ich suche was.“ „Wenn du mir sagst, was, kann ich dir helfen.“ „Eine Nudel.“ […] „Was für eine Nudel ist es denn?“, sagte er. „Auf jeden Fall eine Fundnudel. Eine Rigatoni, aber nur vielleicht. Genau kann man das erst sagen, wenn man sie gefunden hat, sonst wäre es ja keine Fundnudel. Ist doch wohl logisch, oder?“ „Hm …“ Er legte den Kopf leicht schräg. Der Mund mit den großen Zähnen drin klappte wieder auf. „Kann es sein, dass du ein bisschen doof bist?“ Also echt! „Ich bin ein tiefbegabtes Kind.“ „Tatsache?“ Jetzt sah er wirklich interessiert aus. „Ich bin hochbegabt.“ Nun war ich auch interessiert. Obwohl der Junge viel kleiner war als ich, kam er mir plötzlich viel größer vor. Es war ein merkwürdiges Gefühl. […] Ich hatte noch nie ein hochbegabtes Kind gesehen, außer mal im Fernsehen […]. „Ich muss jetzt weiter“, sagte ich endlich zu dem Jungen. „Bevor es dunkel wird. Sonst verlaufe ich mich womöglich.“ „Wo wohnst du denn?“ „Da vorn, das gelbe Haus. Die 93. Rechts.“ […] Der Junge schaute an meinem ausgestreckten Arm entlang. Als er die 93 sah, rutschte seine Stirn erst rauf, als wäre ihm gerade eine tolle Erleuchtung gekommen oder so was, und dann wieder runter, als würde er gründlich über etwas nachdenken. Zuletzt wurde seine Stirn wieder ganz glatt und er grinste. „Du bist wirklich doof, oder? Wenn man etwas direkt vor Augen hat und nur geradeaus laufen muss, kann man sich unmöglich verlaufen.“ Immerhin stimmte die Straßenseite. Trotzdem wurde ich langsam sauer. „Ach ja? Ich kann das. Und wenn du wirklich so schlau wärst, wie du behauptest, wüsstest du, dass es Leute gibt, die das können.“ […] „Hey, ich –“ „Aber du bist ja wohl eins von den Superhirnen, die alles wissen und dauernd mit irgendwas angeben müssen, weil sich nämlich sonst keiner für sie interessiert, außer wenn sie im Fernsehen Geige spielen!“ […] Jetzt sagte der Junge gar nichts mehr. Er guckte runter auf seine Sandalen. Dann guckte er wieder hoch. Seine Lippen waren ganz dünn geworden. Er streckte eine Hand aus. Sie war so klein, dass sie doppelt in meine passte. „Ich heiße Oskar“, sagte er. „Und ich möchte mich aufrichtig bei dir entschuldigen. Ich hätte mich nicht über dich lustig machen dürfen. Das war arrogant.“ Ich hatte keine Ahnung, was er mit dem letzten Wort meinte, aber die Entschuldigung hatte ich verstanden. 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 72 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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