Jugendliebe 33 aber würden wir einander nicht an den Stimmen erkennen? – Blue BETREFF: AW: Warum, warum, warum? Also, ich traue mich gar nicht zu lesen, was ich gestern Nacht geschrieben habe. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich süß und grammatikalisch klang. Du bist auch süß und grammatikalisch. [...] Ich will lieber gar nicht drüber nachdenken, wie die Tests gelaufen sind. [D]as mit den Stimmen ist ein gutes Argument. Vielleicht müssten wir so Roboter- Megafone benutzen, um sie zu verzerren, damit wir wie Darth Vader klingen. Oder wir könnten auch einfach was anderes machen als reden. Nur so eine Idee. – Dein Zombie Jacques BETREFF: Ich sollte … … einen Essay für Englisch schreiben. Aber ich schreibe lieber dir. Ich sitze in meinem Zimmer, und ich habe ein Fenster direkt neben meinem Schreibtisch. Draußen ist es so sonnig, es sieht aus, als müsste es richtig warm sein. Ich habe das Gefühl, ich träume. Also, Jacques, ich muss zugeben, dass deine Mailadresse mich schon lange neugierig macht. Schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten und habe den Großen Google befragt, und jetzt weiß ich, dass sie aus einem Elliott-Smith-Song stammt. Von dem hatte ich zwar schon gehört, aber noch nie seine Songs, also habe ich mir „Waltz #2“ heruntergeladen. Ich hoffe, das findest du nicht schräg. Der Song gefällt mir gut. Ich war überrascht, weil es ein sehr trauriges Lied ist, und das hätte ich von dir nicht erwartet. Aber jetzt habe ich es ein paar Mal gehört, und das Komische ist, es erinnert mich tatsächlich an dich. Nicht so sehr der Text, auch nicht die allgemeine Stimmung des Songs. Eher so etwas Ungreifbares. Ich glaube, ich kann mir dich vorstellen, wie du irgendwo auf dem Teppich liegst und ihn hörst, dabei Oreos isst und vielleicht Tagebuch schreibst. [...] Ich weiß, das ist ein bisschen weit hergeholt. Und außerdem sehr unfair, denn ich sollte nicht versuchen deine Identität zu ermitteln, wenn ich dir keinerlei Hinweise zu meiner gebe. Hier kommt einer: Mein Vater kommt dieses Wochenende zu Besuch aus Savannah, und wir feiern unser traditionelles Hotel-Hanukkah. Nur wir beide, und ich bin überzeugt, wir werden keine Peinlichkeit auslassen. Zuerst kommt das Nichtanzünden der Menora (weil wir den Rauchmelder nicht auslösen wollen). Dann schenke ich ihm etwas wenig Beeindruckendes wie Aurora Coffee und eine Sammlung meiner Englisch-Essays (er ist Englischlehrer, darum freut er sich darüber). Und dann lässt er mich acht Geschenke hintereinander aufmachen, was mir vor allem in Erinnerung ruft, dass wir uns bis Neujahr nicht mehr sehen werden. Und weißt du, was: Ich überlege, ob ich die Sache nicht noch ein bisschen unangenehmer für uns und daraus eine Coming-out-Nummer machen sollte. Vielleicht besser in Großbuchstaben: COMING-OUT-NUMMER. Bin ich wahnsinnig? – Blue BETREFF: AW: Ich sollte ... Blue, okay, zuerst mal: Wieso wusste ich bisher nicht, dass du jüdisch bist? Damit wolltest du mir einen Hinweis geben, richtig? [...] Aber jetzt das Wichtigste, Blue: Die COMING-OUT-NUMMER. Wow. Natürlich bist du nicht wahnsinnig. Ich finde, du bist wahnsinnig toll. Machst du dir Sorgen, wie er reagieren wird? Und wirst du es deiner Mutter auch gleich sagen? [...] Du liegst goldrichtig mit den Oreos und dem Teppich, aber falsch mit dem Tagebuch. Das Einzige in meinem Leben, was einem Tagebuch nahekommt, bist du. Alles in allem bin ich jedenfalls ganz deiner Meinung, dass dies eine viel sinnvollere Beschäftigung war als irgendein Englisch-Essay. Du lenkst mich ganz schön ab. – Jacques BETREFF: AW: Ich sollte ... Jacques, natürlich hast du nicht gewusst, dass ich jüdisch bin – ich habe es ja auch nie erwähnt. […] 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 100 102 104 106 108 110 112 114 116 118 120 122 124 126 128 130 132 134 136 138 140 142 144 146 148 150 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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