Vielfach Deutsch 4, Arbeitsheft

„Schmeckt pappig“, dachte er. „Ich habe immer geglaubt, das Zeug ätzt und würgt. Aber es schmeckt pappig. Schmeckt pappig im Hals, doch nicht im Magen. Merkst du’s, Munnicher“, dachte er und legte sich auf die Seite. „Merkst du, wie dein Magen zerfressen wird? Ich hätte mich vorher noch rasieren sollen. Wenn morgen einer vom Bestattungsinstitut in meinem kalten Gesicht umherwirkt? Pfui Teufel! Rasieren hätte ich mich sollen“, dachte er. Stundenlang dachte er es. Der Morgen hatte die alte Apotheke nicht viel heller gemacht. Munnicher war noch immer nicht rasiert, als er den Apotheker fragte: „Was haben Sie mir da für ein verdammtes Zeug angedreht?“ „Wasser“, sagte der Alte. „Wasser mit einem Schuss Gurgellösung, gegen Mandelentzündung.“ „Was sollte das?“, fragte Munnicher. „Ja, was sollte das?“, fragte der Einarmige und ließ ihn nicht mit dem Blick los. Munnicher senkte den Kopf. „Ich verkaufe keine Gifte in meiner Apotheke“, sagte der Alte. „Von hundert Verkäufen kriege ich nur vierzehn Reklamationen. Das ist doch ein gutes Verhältnis, nicht wahr? Hundert Leute tragen Wasser statt Gift nach Hause, und nur vierzehn beschweren sich. Und diese vierzehn schicke ich woanders hin, wenn sie wollen. Manche wollen nicht mehr. Das Geld bekommen sie natürlich wieder zurück. Auch Sie.“ Der Alte schlurfte zur Leiter, Munnicher schaute wieder durch die Verbindungstür. Das Mädchen war nicht da. Im Spiegel fing sich umgekehrt der Name der Apotheke: „Vita Nova“, hieß sie: „Neues Leben“. „Wollen Sie noch etwas?“, fragte der Alte. „Ja“, sagte Munnicher. „Hustenbonbons.“ Mache dir für die Interpretation Notizen zu den folgenden Fragen. 1 Was erfährt man über die Vorgeschichte Munnichers? 2 Was will Munnicher in der Apotheke kaufen und warum? Beachte die Metapher „zertretene, weggeworfene Menschenpflanze“ (Z. 8). 3 Was gibt ihm der Apotheker und warum? 4 Wie reagiert Munnicher, als er das Mädchen sieht? 5 Was bedeutet der Name der Apotheke wörtlich? Was bedeutet er für Munnicher? 6 Worin besteht der Wendepunkt in diesem Text? Verfasse für ein Literaturmagazin eine Inhaltsangabe zur Kurzgeschichte Apotheke Vita Nova von Josef Reding. Vorgangsweise Mache einen Schreibplan und lege darin in Stichworten die Inhalte für Einleitung (Textsorte, Autor, Ort und Zeit der Handlung), Hauptteil (Handlungsschritte, W-Fragen) und Interpretation (PLUS) fest. Schreibe in sachlicher, knapper Sprache und formuliere in eigenen Worten. Verwende als Hauptzeitform das Präsens. Was vorher passiert ist, drücke im Perfekt aus. PLUS: Erkläre und interpretiere im Schlussteil die Handlungsmotive und das Verhalten der Hauptpersonen. Gehe auch darauf ein, warum der Apotheker nicht die verlangten Gifte verkauft und ob er damit erfolgreich ist. Überarbeite deinen Text mit Hilfe der Checkliste (siehe Sprachbuch, S. 91). 40 55 60 65 70 Josef Reding: Nennt mich nicht Nigger. Kurzgeschichten. Arena-Taschenbuch, Würzburg 1991. B BIST 19, 27 Detaillierte Informationen in Texten finden, Handlungsmotive erkennen C BIST 27, 28–30, 33 Textinhalte reflektieren, Texte planen und verfassen pappig (ugs.): breiig, klebrig-feucht 3 45 Inhaltsangabe und Interpretation Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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