„Nein“, sagte er, „nur die Tiere, die ich angegeben habe. Der Katze wird natürlich nichts passieren. Eine Katze kann für sich selbst sorgen, aber ich kann mir nicht vorstellen, was aus den anderen werden soll.“ „Wo stehen Sie politisch?“, fragte ich. „Ich bin nicht politisch“, sagte er. „Ich bin 76 Jahre alt. Ich bin jetzt zwölf Kilometer gegangen und ich glaube, dass ich jetzt nicht weitergehen kann.“ – „Das ist kein guter Platz zum Bleiben“, sagte ich. „Falls Sie es schaffen können, dort oben sind Lastwagen.“ – „Ich will ein bisschen warten“, sagte er, „und dann werde ich gehen. Wo fahren die Lastwagen hin?“ – „Nach Barcelona zu“, sagte ich ihm. „Ich kenne niemand in der Richtung“, sagte er, „aber danke sehr.“ […] Er blickte mich ganz ausdruckslos und müde an, dann sagte er, da er seine Sorgen mit jemandem teilen musste: „Der Katze wird nichts passieren, das weiß ich; man braucht sich wegen der Katze keine Gedanken zu machen. Aber die anderen; was glauben Sie wohl von den anderen?“ – „Ach, wahrscheinlich werden sie heil durch alles durchkommen.“ „Glauben Sie das?“ – „Warum nicht?“, sagte ich und beobachtete das jenseitige Ufer, wo jetzt keine Karren mehr waren. „Aber was werden sie unter der Artillerie tun, wo man mich wegen der Artillerie fortgeschickt hat?“– „Haben Sie den Taubenkäfig unverschlossen gelassen?“, fragte ich. „Ja.“ – „Dann werden sie wegfliegen.“ – „Ja, gewiss werden sie wegfliegen. Aber die anderen? Es ist besser, man denkt nicht an die anderen“, sagte er. „Wenn Sie sich ausgeruht haben, würde ich gehen“, drängte ich. „Stehen Sie auf und versuchen Sie jetzt einmal zu gehen.“ – „Danke“, sagte er und stand auf, schwankte hin und her und setzte sich dann rücklings in den Staub. „Ich habe Tiere gehütet“, sagte er eintönig, aber nicht mehr zu mir. „Ich habe doch nur Tiere gehütet.“ Man konnte nichts mit ihm machen. Es war Ostersonntag und die Faschisten rückten gegen den Ebro vor. Es war ein grauer, bedeckter Tag mit tiefhängenden Wolken, darum waren ihre Flugzeuge nicht am Himmel. Das und die Tatsache, dass Katzen für sich selber sorgen können, war alles an Glück, was der alte Mann je haben würde. 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 der Faschist: Anhänger einer antidemokratischen und nationalistischen Herrschaftsform der Ebro: Fluss in Spanien Aus: Ernest Hemingway: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1981 (gekürzt). Aus dem Amerikanischen von Annemarie Horschitz-Horst. Buchtipp Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja: Elektrizität und Himmelsfische. Aus dem Russischen von Henriette Reisner und Olga Radetzkaja. dtv, München. Raketenbeschuss. Die 14-jährige Marzia und ihre Familie müssen sofort die Stadt verlassen. Sie erreichen ein Motel an einer Grenze, dort übergibt Marzia ihre Tagebuchaufzeichnungen einem Schriftsteller. Sie bittet ihn, diese nur zu lesen, sollte sie sich nach Ablauf einer Woche nicht bei ihm gemeldet haben. Literarische Texte lesen und interpretieren 31 3 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
RkJQdWJsaXNoZXIy MTA2NTcyMQ==