Alles Geschichte! 8, Schulbuch

11 Die Wiener Zeitzeugin Edith Kurzmann – damals ein Kind – über den Hunger nach Kriegsende (vor 1994) Als der Krieg zu Ende war, gab es eine sehr schlimme Zeit. Zuerst hatte Mama noch Bohnen, Mehl und sogar ein Stück Speck, das meine älteste Schwester Lizzi auf dem Nordbahnhof „organisiert“ hatte, als die Russen schon vor Wien kämpften. Doch das reichte nicht lange. Ich kann mich erinnern, daß ich mir manchmal eine Einbrenn [heißes Wasser mit Mehl] machte und diese aß, weil ich so hungrig war. Sonst gab es nur Suppe. Brot hatten wir auch keines mehr. M3: Aus: Ehrmann: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen, 1995, S. 188. Besatzungszonen Österreich und die Hauptstadt Wien wurden in vier Besatzungszonen geteilt. Wien lag geografisch in der sowjetischen Zone. Der erste Wiener Bezirk wurde von den vier Alliierten gemeinsam verwaltet (s. S. 8/M1). Die Interalliierte Militärpatrouille in Wien, die „Vier im Jeep“ genannt, bestand aus jeweils einem Militärpolizisten jeder Besatzungsmacht pro Fahrzeug. Sie unterstützten die Wiener Polizei bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit. Die österreichische Polizei durfte nicht gegen alliierte Soldaten vorgehen und musste bei Gesetzesübertritten die Interalliierte Militärpatrouille rufen. Trotzdem kam es vor allem in den sowjetischen Zonen zu massiven Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung, die Ängste schürten. Die West-Alliierten wurden positiver aufgenommen. Da Österreich für die Kosten der Besatzung selbst aufkommen musste, konnte sich die wirtschaftliche Lage vorerst kaum entspannen, und der Wiederaufbau gestaltete sich schwierig. Ende 1945 waren 352 000 Besatzungssoldaten im Land, 1955 waren es noch immer 60 000 Soldaten. Der Wiener Zeitzeuge Erich Ottawa – damals ein Kind – über die Besatzungszeit (o. J.) In der amerikanischen Zone befanden sich eine große Schule […] und Freizeiteinrichtungen. Ganz nahe der Wohnung lag ein Jugendclub. Das Ende des Schuljahres oder Highschool überhaupt wurde hier dermaßen ausgelassen gefeiert, dass die Grundmauern bebten und die Anrainer verschreckt die Fenster schlossen. Niemand wagte aber sich allzu sehr über diese „Exzesse“ aufzuregen. Alkohol war übrigens nicht viel im Spiel, aber Coca-Cola floss in Strömen. Am Gehsteig vor dem Club standen oder lagen leere Cola-Flaschen, die in Serie speziell für die US-Besatzer hergestellt wurden. Da es sich ja in dieser Form um herrenloses Gut handelte, steckte ich eine heimlich und ohne Gewissensbisse ein und bewahrte dieses Beutestück als Souvenir bei mir im Kinderzimmer auf. M4: Private Aufzeichnungen von Erich Ottawa „Besatzungskinder“ Während der Besatzungszeit gezeugte Kinder aus Liebesbeziehungen zwischen alliierten Soldaten und einheimischen Frauen, einmaligen intimen Kontakten oder aus Vergewaltigungen lernten ihre Väter meistens nicht kennen. Sie wurden oftmals als Kinder des Feindes stigmatisiert und hatten schwierige Lebensbedingungen. Nur wenige binationale Paare heirateten, sowjetischen Soldaten war die Ehe mit einer ausländischen Frau überhaupt verboten. In Österreich wurden rund 30 000 „Besatzungskinder“ geboren. M5: Unbekannt: Zonengrenze an der Donau zwischen Linz (US-amerikanisch) und Urfahr (sowjetisch). Fotografie, 1945. Der Übertritt war nur mit Personaldokumenten möglich. Jetzt bist du dran: 1. Analysiere M1 und erkläre auf Grundlage deines bestehenden Wissens, warum die Spende der Roten Armee am 1. Mai verkündet wurde. 2. Das Foto M2 ist auf 1945 datiert. Analysiere das Bild und stelle fest, in welchem Monat es entstanden sein könnte. Begründe deine Einschätzung. 3. Stelle Vermutungen an, warum die Zeitzeugin in M3 den Begriff „organisiert“ unter Anführungszeichen setzt und was hinter diesem Begriff stehen könnte. 4. Arbeite aus M4 und M5 Informationen zu und über die Besatzungszeit heraus. Da es sich bei M4 um eine private Quelle handelt, betrachte diese Informationen kritisch und arbeite heraus, was es zu beachten gilt. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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