10 Die letzten Kriegswochen Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches in Kraft. In den letzten Kriegswochen hatte die nationalsozialistische Gewalt ein enormes Ausmaß angenommen. Die sogenannten Endphaseverbrechen umfassten Hinrichtungen durch Standgerichte, Todesmärsche von Häftlingen aus Konzentrationslagern und Morde an der Zivilbevölkerung, die Widerstand gegen die Zerstörung von Brücken und anderer Infrastruktur durch die SS leistete. Mitte März 1945 wurde Wien von 700 US-Flugzeugen bombardiert, viele Tote und große Zerstörungen waren die Folge. Am 13. April 1945 wurde Wien vom Burgenland her von der sowjetischen Roten Armee befreit. Im Kampf um Wien kamen 19 000 deutsche und 18 000 sowjetische Soldaten um. Die Rote Armee hatte im Zweiten Weltkrieg die meisten getöteten Soldaten zu verzeichnen. Auch sexualisierte Gewalt war ein Teil von Hitlers Vernichtungskrieg in der Sowjetunion. Die Vergeltungsaktionen der Rotarmisten trafen viele Mädchen und Frauen im Osten Österreichs, die von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurden. Man geht dabei von 270 000 Opfern aus. Diese Beispiele zeigen, dass sexualisierte Gewalt in Kriegen häufig als Waffe eingesetzt wird. Ab Mitte April wurden die westlichen Bundesländer durch französische, britische und US-Truppen befreit. Die erste Nachkriegsregierung Schon Anfang April 1945 bot der Sozialdemokrat Karl Renner, der in der Ersten Republik Staatskanzler und Nationalratspräsident gewesen war, in einem Brief an Stalin seine Dienste an, wobei er auf seine sozialistische Gesinnung hinwies. Obwohl Renner kein Kommunist war, beauftragte Stalin ihn mit der Bildung einer provisorischen Regierung. Am 27. April 1945 erklärten Vertreter der ÖVP, SPÖ und KPÖ den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich für null und nichtig und proklamierten die Zweite Republik. Chaotischer Anfang Die neue provisorische Regierung unter Karl Renner wurde zu Beginn nur von den Sowjets anerkannt. Zudem war Österreich durch die vier Alliierten militärisch besetzt. Die Lage in Österreich war in diesen ersten Tagen chaotisch und dramatisch. Etwa 1,6 Millionen Flüchtlinge und „displaced persons“ – ehemalige Verschleppte, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge – waren in Österreich. Österreichische Soldaten der ehemaligen Wehrmacht und Kriegsgefangene aus den Lagern der westlichen Alliierten kehrten ebenfalls rasch zurück. Die Gefangenen in den sowjetischen Lagern wurden erst 1947 bis 1949 freigelassen. Einige blieben bis 1955 in Gefangenschaft. Da die Infrastruktur des Landes teilweise zerstört war, gestaltete sich die Versorgung der Zivilbevölkerung als äußert schwierig. Nahrungsmittel waren schon seit den letzten Kriegsmonaten knapp. Im Mai 1945 verschärfte sich die Lage vor allem in Wien. Zeitungsbericht über die Lebensmittelspenden anlässlich der Feiern zum 1. Mai 1945 Die Maispende der Roten Armee macht eine Ausgabe von Lebensmitteln an die Bevölkerung möglich. Die Abgabe erfolgt auf die gelben Lebensmittelkarten 74. Abgegeben werden: 200 Gramm Bohnen auf den Abschnitt 45 200 ” Erbsen ” 46 50 ” Speiseöl ” 47 150 ” Fleisch ” 49 125 ” Zucker ” 50 M1: Aus: Neues Österreich, 2. Mai 1945, S. 4. M2: Albert Hilscher: Zerstörungen bei der Albertina-Rampe, dahinter die Oper, Wien. Fotografie, 1945 Die Lebensmittelknappheit machte die Menschen erfinderisch. Schon während des Krieges waren eigene Rezepte entstanden, die mit Ersatzprodukten arbeiteten, welche leichter zu bekommen waren. Die bereits während des Krieges ausgegebenen Lebensmittelkarten regelten auch nach Kriegsende den Erhalt der täglichen Rationen. Jedoch waren die Mengen mit ca. 1 000 Kilokalorien pro Person nicht ausreichend, um zu überleben. Wer Wertsachen hatte, konnte sie am Schwarzmarkt oder auf Bauernhöfen gegen Lebensmittel eintauschen. 1.2 Nachkriegszeit und Besatzungszeit in Österreich Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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