149 Jane Bosibori Marando Obuchi: „Damals hatte Ekegusi keine Wertschätzung. Wenn ein Kind dabei erwischt wurde, dass es in der Schule Ekegusi sprach, wurde es bestraft“. Während der britischen Kolonialzeit galten kenianische Sprachen als rückständig. Als Jane Obuchi 1977 eingeschult wurde, war Kenia schon seit 14 Jahren von Großbritannien unabhängig. Doch viele Haltungen und Hierarchien aus der Kolonialzeit hätten sich im Gebrauch der Sprachen zementiert, meint Obuchi: „Die koloniale Haltung gegenüber den afrikanischen Sprachen gibt es bis heute. Jedem, der fließend Englisch spricht, wird mit großem Respekt begegnet. Aber wenn ich bei Zusammenkünften Ekegusi oder Kisuaheli spreche, denken alle, dass ich nicht in der Schule war. Wer Englisch kann, gilt automatisch als gebildet. Sogar einige meiner Freunde machen sich über mich lustig, weil ich Bücher in meiner Muttersprache schreibe.“ Neben der Verachtung für das Eigene gibt es einen zweiten Grund dafür, dass afrikanische Regierungen zum Teil bis heute versuchen, die Sprachenvielfalt in ihren Ländern zu unterdrücken. Und stattdessen Englisch, Französisch oder Portugiesisch fördern. Obuchi nimmt Kenia als Beispiel: „Einige Leute argumentieren, dass wir als Nation keine Einheit bilden können, wenn wir so viele Sprachen sprechen, wie wir Volksgruppen haben. Sie sind davon überzeugt, dass wir auf diese Weise nur ethnische Konflikte schüren.“ M2: Rühl: Sprachen in Afrika. Zwischen Dekolonisierung und Pragmatismus. Radiosendung vom 27.12.2022. Online auf: https://www.deutschlandfunk. de/afrika-sprachen-kolonialismus-dekolonialismus-europa-100.html (30.5.2025). Tansania wählt Swahili als Amtssprache Tansania, Kenias Nachbar im Süden, ist in seiner Sprachenpolitik einen konsequent anderen Weg gegangen. „Also tatsächlich war es ja in den 60er Jahren, als im Zuge der Unabhängigkeit Tansanias das Swahili als offizielle Sprache eingeführt wurde, war genau das ja das Kernargument zu sagen: Wir wollen dekolonisieren, wir wollen nicht am Englischen festhalten“, sagt der Afrikanist Axel Fanego Palat, der in Frankfurt am Main einen Lehrstuhl hat. Fanego Palat untersucht vor allem die Verwendung von Sprachen in Süd-und Ostafrika – und damit auch in Tansania: „Gleichzeitig hatte man den ja vielleicht günstigen Ausgangsfall, dass man mit dem Suaheli eine Sprache hatte, die keine zu große Muttersprachen-Sprechergesellschaft hatte. Also es gab gar nicht so viele Muttersprachensprecherinnen und -sprecher, so dass die Sprache gewissermaßen für andere Menschen im Land akzeptabler war.“ M3: Rühl: Sprachen in Afrika. Zwischen Dekolonisierung und Pragmatismus. Radiosendung vom 27.12.2022. Online auf: https://www.deutschlandfunk.de/ afrika-sprachen-kolonialismus-dekolonialismus-europa-100.html (30.5.2025). Ousmane Sy: „Weil der Staat, so wie er bisher in unseren Ländern konzipiert und installiert wurde, als Fremdkörper betrachtet wird. Der Staat spricht eine andere Sprache als die Bevölkerung. Der Staat hat andere Werte als sie. Der Staat handelt anders als sie.“ Ganz oft dient Sprache auch genau dazu, exklusiv zu sein, sich nicht zu verständigen, sondern tatsächlich auch sich abzugrenzen. […] Das gilt in vielen Staaten für die politischen Eliten, sie [sic] sich bewusst abgrenzen wollen, um ihre Macht zu sichern. Ein Beispiel dafür ist das westafrikanische Mali, Französisch ist dort die offizielle Landessprache. Die malische politische Elite nutzt die ehemalige Kolonialsprache, um sich von der Bevölkerung abzugrenzen. Ousmane Sy, malischer Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Minister für Territorialverwaltung, erklärt so die Entfremdung zwischen Staat und Volk in Mali. Das westafrikanische Land ist seit gut zehn Jahren in einer schweren politischen Krise, seit März 2012 hat das Militär drei Mal geputscht, zuletzt unter dem Beifall der Bevölkerung. Das westafrikanische Ausland und Europa forderten nach jedem Putsch eine Rückkehr zur Demokratie. […] Große Teile der malischen Bevölkerung sind Analphabeten, verstehen kein Französisch, kommunizieren in den Landessprachen. Sie können die Gesetze ihres Landes nicht lesen, die Debatten ihres Parlaments nicht verstehen. M4: Rühl: Sprachen in Afrika. Zwischen Dekolonisierung und Pragmatismus. Radiosendung vom 27.12.2022. Online auf: https://www.deutschlandfunk. de/afrika-sprachen-kolonialismus-dekolonialismus-europa-100.html (30.5.2025). Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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