Killinger Literaturkunde, Schülerband

246 Virginia Woolf: Orlando (1928) Der Roman Orlando ist als fiktive Biographie der Schriftstellerin Vita Sackville-West, mit der Virginia Woolf eine Liebesbeziehung hatte, konzipiert und wurde von ihr selbst als Eskapade bezeichnet, mit der sie sich von einem ihrer ernsthafteren Werke zu erholen versuchte. In dieser Biographie, die mehrere Jahrhunderte und eine Reihe historischer Ereignisse umfasst, werden die gestalterischen Möglichkeiten des Romans humorvoll ausgelotet, die darin gipfeln, dass sich Orlando, der ursprünglich als Mann auftritt und Karriere macht, schließlich mitten in seinem Leben in eine Frau verwandelt. Der Klang der Trompeten erstarb, und Orlando stand splitternackt da. Kein menschliches Wesen, seit Anbeginn der Welt, sah je hinreißender aus. Seine Gestalt vereinigte in sich die Kraft eines Mannes und die Anmut einer Frau. Während er da stand, verlängerten die silbernen Trompeten ihren Ton, als zögerten sie, den lieblichen Anblick zu lassen, den ihre Fanfare hervorgerufen hatte; [...] Orlando betrachtete sich von Kopf bis Fuß in einem hohen Spiegel, ohne auch nur die geringste Spur von Fassungslosigkeit zu zeigen, und ging, vermutlich, in sein Bad. Wir mögen uns diese Unterbrechung der Erzählung zunutze machen, um gewisse Feststellungen zu treffen. Orlando war eine Frau geworden – das ist nicht zu leugnen. Aber in jeder anderen Hinsicht blieb Orlando genauso, wie er gewesen war. Der Wechsel des Geschlechts, wenn er auch die Zukunft der beiden änderte, tat nicht das Geringste, ihre Identität zu ändern. Ihre Gesichter blieben, wie ihre Porträts beweisen, praktisch dieselben. Seine Erinnerung – aber in Zukunft müssen wir der Konvention zuliebe „ihre“ statt „seine“ und „sie“ statt „er“ sagen –, ihre Erinnerung also reichte durch alle Ereignisse ihres bisherigen Lebens zurück, ohne auf ein Hindernis zu stoßen. Eine leichte Diesigkeit mag es gegeben haben, als seien einige dunkle Tropfen in den klaren Teich der Erinnerung gefallen; gewisse Dinge waren ein wenig verschwommen geworden; aber das war alles. Der Wechsel schien sich schmerzlos und vollsandig und auf eine Art vollzogen zu haben, dass Orlando selbst keine Überraschung darüber zeigte. Dies berücksichtigend und mit der Behauptung, ein solcher Wechsel des Geschlechts widerspreche der Natur, haben viele Menschen keine Mühen gescheut, zu beweisen, 1) dass Orlando immer eine Frau gewesen sei, 2) dass Orlando auch in diesem Augenblick ein Mann sei. Sollen Biologen und Psychologen dies entscheiden. Für uns genügt es, die schlichte Tatsache festzuhalten; Orlando war ein Mann bis zum Alter von dreißig Jahren; als er eine Frau wurde und es seitdem geblieben ist. Doch mögen andere Federn sich mit Geschlecht und Geschlechtlichkeit befassen; wir verlassen derart odiose1 Themen, sobald wir können. Orlando hatte sich jetzt gewaschen und sich in jene türkischen Jacken und Hosen gekleidet, die unterschiedslos von beiden Geschlechtern getragen werden können; und war gezwungen, ihre Lage zu überdenken. Dass sie über die Maßen gefährlich und befremdlich war, muss der erste Gedanke eines jeden Lesers sein, der ihrer Geschichte mit Anteilnahme gefolgt ist. Jung, adlig, schön, war sie aufgewacht, um sich in einer Situation wiederzufinden, wie wir uns keine heiklere für eine junge Dame von Stand vorstellen können. Wir hätten ihr keinen Vorwurf gemacht, hätte sie geklingelt oder geschrien oder wäre sie in Ohnmacht gefallen. Aber Orlando zeigte keine derartigen Zeichen der Verstörung. 1 odios: gehässig, unausstehlich, widerwärtig 5 10 15 20 25 30 35 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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