21 3.1 — Die Zusammenfassung In der gesprochenen Sprache werden die meisten Konjunktivformen mit „würde“ umschrieben, was allerdings nach wie vor als umgangssprachlich eingestuft wird. Dies gilt aber nicht für die Umschreibung von ungebräuchlichen und veralteten Verben. Lesen Sie nun einen weiteren Ausschnitt aus „Der traurige Konjunktiv“ (der Ich-Erzähler spricht hier mit seinem Freund Henry). Überlegen Sie, wie dieser Text bei einem Alltagsgespräch auf Sie wirken würde. Bei unserem nächsten Treffen gebe ich Henry die überarbeitete Geschichte vom Vater und Sohn im Sprachzoo zu lesen. Dort heißt es nun: „Wären Vater und Sohn an diesem Sonntag in den Sprachzoo gegangen, hätten sie sich sehr gewundert. Denn sie hätten den Käfig mit dem Konjunktiv leer vorgefunden. Besorgt hätten sie sich an den Wärter gewandt und ihn gefragt, ob der traurige Konjunktiv womöglich gestorben sei. Doch der Wärter hätte sie beruhigt. Er sei letzte Nacht ausgebrochen, hätte er ihnen berichtet, und laufe nun Amok durch die Stadt. Der Polizei gelinge es nicht, ihn einzufangen, wann immer sie sich ihm nähere, springe er auf und davon. Vater und Sohn hätten sich darüber sehr gefreut und gehofft, dass es ihm gelänge, neue Freunde zu finden, denn dann begönne für ihn ein völlig neues Leben.“ – Henry blickt mich kopfschüttelnd an: „Du bist unverbesserlich! Und vollkommen würde-los!“ Fachtexte verstehen und zusammenfassen Fachtexte haben im schulischen und im außerschulischen Alltag eine tragende Bedeutung für den Wissenserwerb und für die Kommunikation innerhalb eines Faches. Fachtexte zu verstehen, über sie zu sprechen und auch darüber zu schreiben, sind wichtige Fähigkeiten, die man im Fachunterricht braucht, die aber zu einem beträchtlichen Teil im Deutschunterricht erworben werden. Das Zusammenfassen von inhaltlich und sprachlich anspruchsvollen Ausgangstexten ist deshalb ein wichtiger Aufgabenbereich des Faches Deutsch. Auch deshalb ist die „Zusammenfassung“ eine Textsorte der kompetenzorientierten schriftlichen Reife- und Diplomprüfung aus Deutsch. Um beim Lesen, Verstehen und Zusammenfassen von Fachtexten erfolgreich zu sein, muss man sich zuerst mit den Besonderheiten von Fachsprachen auseinandersetzen. Für Schülerinnen und Schüler, die eine andere Erstsprache als Deutsch haben, ist die Sprache im Fachunterricht manchmal eine große Hürde. Deshalb ist es wichtig, sich mit den Merkmalen von Fachtexten gezielt auseinanderzusetzen. Merkmale von Fachsprachen „Von besonderer Wichtigkeit in den Fachsprachen sind nach allgemeiner Anschauung die Fachwörter. Sie tragen die Aussage und konstituieren eigentlich die Fachsprachen. Gegenüber den Wörtern der Gemeinsprache zeichnen sich die Fachwörter dadurch aus, dass sie präziser und kontextautonomer sind. Der fachsprachliche Satzbau kann sich vom „Normalhochdeutschen“ durch eine Bevorzugung von Funktionsverbgefügen, verbunden mit einer Sinnentleerung der Verben, unterscheiden. Außerdem hat man einen bevorzugten Gebrauch von unpersönlichen, passivischen Sätzen festgestellt. Fachsprachlicher Stil ist häufig gekennzeichnet durch „möglichst viel Information in möglichst wenig Worten“. 1 Diese Definition von Fachsprachen stammt aus einer wissenschaftlichen Publikation aus dem Fachbereich „Germanistik“ und enthält selbst einige Merkmale von Fachsprachen. Fachsprachen sind keine eigenständigen Sprachen, sondern sie weisen große Übereinstimmung mit der Allgemeinsprache auf – allerdings bezogen auf eine gut ausgebildete Standardsprache (hier als das „Normalhochdeutsche“ bezeichnet). Auffallend ist, dass in Fachsprachen bestimmte Merkmale häufiger auftauchen als in der Standardsprache (z. B. Passivformen, komplexe Satzkonstruktionen, Fremdwörter …). Die im Text unterstrichenen Wörter und SatzteiÜ9 3.1.6 – 1 Vgl. Hans-R. Fluck: Fachsprachen. Einführung und Bibliographie. Tübingen: A. Francke 1996, S. 47 und S. 55 f. 2 4 6 8 10 12 14 16 Sohn voller Mitgefühl, „der kann einem richtig Leid tun!“ – „Er würde sich bestimmt wohler fühlen, wenn es jemanden geben würde, der sich mit ihm unterhalten würde“, sagt der Vater. Daraufhin stößt der Konjunktiv einen herzerweichenden Klagelaut aus. Der Sohn nickt und sagt: „Vielleicht fühlte er sich tatsächlich wohler, wenn es jemanden gäbe, der sich mit ihm unterhielte.“ Da hebt der traurige Konjunktiv den Kopf, schaut den Jungen an und lächelt dankbar. quelle: https://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-der-traurige-konjunktiv-a-329309.html; 24.04.2025 10 12 14 16 18 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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