55 3.2 — Die Textanalyse Für die Antwort darauf ist das Grundwissen zum Thema „Argumentieren“ hilfreich, das im Schreibkompetenztraining 1 von sprachreif auf den Seiten 31–34 ausführlich dargelegt und auf das hier zurückgegriffen wird: Sie sollten die drei „Bestandteile“ eines Arguments – Behauptung, Begründung und Beispiel – kennen und verschiedene Formen des Arguments unterscheiden können: — Faktenargument — Normatives Argument/Wertargument — Autoritätsargument — Analogieargument — Indirektes Argument — Plausibiltätsargument — Logischer Schluss Ausgehend von diesen Unterscheidungsmöglichkeiten lassen sich folgende Fragen bezüglich der Argumentation in einem Sachtext stellen: — Ist in dem Text ein Sachverhalt oder ein strittiges Problem erkennbar, zu dem argumentiert werden soll? Wie lautet er/es? — Gibt es eine zentrale Behauptung, der sich andere Behauptungen zuordnen lassen? — Fordert die zentrale Behauptung etwas? Stellt sie etwas fest? — Werden unterschiedliche Formen von Argumenten verwendet? — Werden sinnvolle Beispiele eingesetzt, um die Argumente zu stützen? — Werden nur Argumente zur Untermauerung eines Standpunktes vorgebracht? Finden sich auch Argumente dagegen? — Wie verhalten sich Pro-und-Kontra-Argumente qualitativ und quantitativ zueinander? Sind sie schlüssig und relevant? — Lässt sich eine bestimmte Struktur in der Abfolge der Argumente erkennen? Analysieren Sie die Argumentation des Leitartikels „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ aus den „Salzburger Nachrichten“ vom 10. Jänner 2015 mithilfe der genannten Fragen. Anmerkung: Der Text bezieht sich auf den Überfall islamistischer Terroristen auf die Redaktion des Satireblattes „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris am 7. Jänner 2015. Dabei wurden zwölf Menschen ermordet. Ü10 Der Massenmord von Paris zwingt uns dazu, die Augen zu öffnen und die Dinge wieder beim Namen zu nennen. Voltaire schaffte es, unseren gesellschaftlichen Konsens von Freiheit, Demokratie und Toleranz in einem einzigen Satz auf den Punkt zu bringen: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können.“ Die Journalisten und Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ haben sich genau dieses Recht herausgenommen und die herrschenden Verhältnisse mit zum Teil brutaler Schärfe attackiert. In der Verteilung ihrer Angriffe waren sie nicht einseitig. Sie nahmen Christentum, Judentum und Islam ebenso ins Visier wie die Politik in Europa, den USA oder in Russland. Jeder bekam sein Fett ab. Zumindest drei Massenmörder und deren Komplizen konnten mit der Freiheit, wie Voltaire sie meinte, nichts anfangen, und haben zehn Mitarbeiter der kritischen Satirezeitung sowie drei Polizisten und mehrere Geiseln kaltblütig umgebracht. Noch wissen wir über die wahren Hintergründe der grauslichen Tat wenig. Wir können dennoch ein paar Schlüsse ziehen. Erstens: Wir leben in der Europäischen Union in demokratischen Rechtsstaaten. Die Gesetze bilden die Basis für das geordnete gesellschaftliche Zusammenleben. Darüber hinaus gibt es keine zulässige Ordnung. Weder anerkannte Religionen noch Sekten oder Parteien können diese Regeln aushebeln. Wer sich nicht daran hält, bekommt die Konsequenzen zu spüren. Zweitens: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Selbst Massenmord kann und darf nicht zur Schere im Kopf aufgeklärter Menschen führen. Ansonsten hätten die Feinde der Freiheit ihr Ziel erreicht. 22 24 26 28 30 32 34 36 38 Wer nichts weiß, muss alles glauben Von Manfred Perterer | 10.01.2015 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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