sprachreif, Schreibkompetenztraining 2: Analytische und interpretatorische Textsorten

63 3.3 — Textinterpretation Interpretieren Sie, welche Wahrheit durch diese Parabel anschaulich gemacht wird, indem Sie die unterschiedliche Wahrnehmung des Malers und des Generals untersuchen. Schreiben Sie 270 bis 330 Wörter. Der Zusammenhang zwischen Analysieren und Interpretieren Man kann literarische Texte verstehen, auch wenn man sie vorher nicht analysiert hat. Dies ist besonders dann der Fall, wenn man es gewohnt ist, literarische Texte regelmäßig zu konsumieren. Wer immer wieder Prosatexte liest, Gedichte oder Liedtexte (lyrics) hört oder ins Theater geht, bekommt mit der Zeit Erfahrung, worauf man bei literarischen Texten achten kann und muss. Wenn Sie also sicher werden wollen im Umgang mit Literatur, dann sollten Sie Literatur immer wieder lesen, sehen, hören. Das erste Verstehen eines Textes ist bereits eine erste Stufe der Interpretation. Für eine Textinterpretation im Rahmen der schriftlichen Reife- und Diplomprüfung müssen Sie mit einem Text aber weiterarbeiten: Wenn Sie sich ein erstes Verständnis, eine erste Interpretation, aufgrund der Lektüre eines Textes erarbeitet haben, müssen Sie dieses Verständnis schriftlich festhalten. Dabei müssen Sie Ihr Verständnis anhand der inhaltlichen, formalen und sprachlichen Kennzeichen des Textes begründen. Manchmal hilft die Analyse dieser Kennzeichen bei der Erarbeitung einer Interpretation, manchmal gelangt man schon beim ersten Lesen zu einer Interpretationshypothese, dann braucht man die Analyse, um diese Hypothese zu bestätigen oder zu verwerfen. Letztlich ist dieser Prozess Teil des so genannten hermeneutischen Zirkels, in dem sich die Interpretation abspielt: Die Teile eines Textes führen zu einer Vorstellung über die Gesamtbedeutung eines Textes, die Vorstellung über das Ganze wirkt zurück auf eine exaktere Vorstellung der Teile, was wiederum zur größerer Bewusstheit des Textganzen führt usw. Die Interpretation von epischen Texten Lesen Sie den kurzen Prosatext „Die Beamten“ (in Originalschreibung) von Peter Bichsel (die notwendigen Analysekriterien finden Sie auf S. 46 f.): Peter Bichsel: Die Beamten (1964) Um zwölf Uhr kommen sie aus dem Portal, jeder dem nächsten die Tür haltend, alle in Mantel und Hut und immer zur gleichen Zeit, immer um zwölf Uhr. Sie wünschen sich, gut zu speisen, sie grüssen sich, sie tragen alle Hüte. Und jetzt gehen sie schnell, denn die Strasse scheint ihnen verdächtig. Sie bewegen sich heimwärts und fürchten, das Pult nicht geschlossen zu haben. Sie denken an den nächsten Zahltag, an die Lotterie, an das Sporttoto, an den Mantel für die Frau. Beim Mittagessen fürchten sie sich vor dem Rückweg, denn er scheint ihnen verdächtig, und sie lieben ihre Arbeit nicht, doch sie muss getan werden, weil Leute am Schalter stehn. Dann ist ihnen nichts verdächtig, und ihr Wissen freut sie, und sie geben es sparsam weiter. Sie haben Stempel und Formulare in ihrem Pult, und sie haben Leute vor den Schaltern. Und es gibt Beamte, die Kinder gern haben, und es gibt solche, die Rettichsalat lieben, und einige gehn nach der Arbeit fischen, und wenn sie rauchen, ziehen sie meist die parfümierten Tabake den herberen vor, und es gibt auch Beamte, die keine Hüte tragen. Und um zwölf Uhr kommen sie alle aus dem Portal. quelle: Peter Bichsel: Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen. Olten/Freiburg i. Br.: Walter 1964 — Bilden Sie Vorstellungen (vgl. TIPP, S. 62) zum Titel. Halten Sie die Vorstellungen in einem Cluster fest. — Suchen Sie über eine Suchmaschine Bilder zu den Stichwörtern „Beamte“, „Beamtenwitze“ u. Ä. Erstellen Sie aufgrund der Treffer eine Art Klischeeprofil der Berufsgruppe Beamte. — Befragen Sie die KI mit dem Prompt: „Welche Klischeevorstellungen sind mit dem Beruf des Beamten verbunden?“ Vergleichen Sie die Antwort mit Ihren Erkenntnissen. — Vergleichen Sie nun Ihr Cluster und die Klischeevorstellungen mit dem Text von Peter Bichsel und stellen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest. — Nennen Sie Parallelen bezüglich des Titels zum Text von Thomas Bernhard: Der Vorzugsschüler. — Nennen Sie Analysekriterien für epische Texte (siehe S. 46 f.) die für den Text „Die Beamten“ relevant sind. Vergleichen Sie Ihr Ergebnis eventuell in Partnerarbeit. — Nennen Sie drei sprachliche Merkmale des Textes und interpretieren Sie ihre jeweilige Funktion. Ü5 3.3.3 – Ü6 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

RkJQdWJsaXNoZXIy MTA2NTcyMQ==