sprachreif, Schreibkompetenztraining 2: Analytische und interpretatorische Textsorten

76 3.3 — Textinterpretation Mögliche Themenstellungen Bei der Interpretation eines (literarischen) Textes kann die Aufgabenstellung unterschiedliche Blickwinkel verlangen: Die Aufgabe kann — auf das ganze Gedicht abzielen: Erschließen Sie eine mögliche Deutung des Gedichts. — den Titel in den Mittelpunkt stellen: Interpretieren Sie, wie der Titel „Verzeihung“ zu verstehen ist. — eine Aussage oder eine Verszeile ins Visier nehmen: Deuten Sie die Aussage der letzten Zeile: „Ich lebe.“ — auf die Überprüfung einer vorgegebenen Interpretationshypothese abzielen: Überprüfen Sie die folgende Interpretationhypothese zu Ulla Hahns Gedicht: „Der Begriff der ‚Verzeihung‘ wird hier mehrdeutig verwendet: als eine Form des Selbst-Verzeihens und als eine Form der Abrechnung, in der auch der Zorn auf das Du mitschwingt.“ quelle: Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft. Motivgeschichtlicher Streifzug durch die europäische Liebeslyrik. O.O., o.J. — einen Vergleich fordern: Ein Vergleich zwischen Gedichten kann auf der Ebene des Inhalts, der Form, der Sprache und der Aussage erfolgen. Es können auch einzelne Motive verglichen werden. So kann man z. B. die unterschiedliche Behandlung des Motivs der Treue zwischen den Gedichten „Der König in Thule“ und „Das zerbrochene Ringlein“ vergleichen. Nennen Sie Aspekte, die sich zwischen Goethes und Eichendorffs Gedichten vergleichen lassen. Nennen Sie Aspekte, die sich zwischen Eichendorffs und Hahns Gedichten vergleichen lassen. Ü21 Schreibaufgabe (Hausübung oder Schularbeit) Verfassen Sie eine Textinterpretation. Lesen Sie die Gedichte „Das zerbrochene Ringlein“ von Joseph von Eichendorff und „Verzeihung“ von Ulla Hahn. Verfassen Sie nun die Textinterpretation und bearbeiten Sie dabei folgende Arbeitsaufträge: — Beschreiben Sie die Situation des lyrischen Ichs in beiden Gedichten. — Untersuchen Sie die sprachliche Gestaltung beider Texte. — Interpretieren Sie die beiden Gedichte unter besonderer Berücksichtigung des Verhaltens des jeweiligen lyrischen Ichs. Schreiben Sie 540 bis 660 Wörter. Markieren Sie die Absätze durch Leerzeilen. AUFGABE Infobox Ulla Hahn, geboren 1946 in Brachthausen, ist eine deutsche Dicherin, vor allem Lyrikerin. Kommentierung der Aufgabe Dimension Aufgabenerfüllung aus inhaltlicher Sicht — Beschreiben Sie die Situation des lyrischen Ichs in beiden Gedichten: Beide haben eine Liebesbeziehung hinter sich, bei Eichendorff wurde das lyrische Ich verlassen, bei Hahn kann dies auch der Fall sein, genauso ist aber auch/eher eine Trennung vorstellbar, die vom lyrischen Ich ausgegangen ist. Im ersten Fall dominiert Verzweiflung und Passivität, im zweiten Fall wird eine aktive Haltung eingenommen. — Interpretieren Sie die beiden Gedichte unter besonderer Berücksichtigung, wie das jeweilige lyrische Ich mit seiner Situation umgeht und damit fertig wird: Eichendorff: Das lyrische Ich befindet sich am Ort der Liebe oder sieht ihn zumindest innerlich vor sich, erinnert sich mit Schmerzen, ist orientierungslos, schwankt zwischen einem Leben als Sänger oder Soldat, Letzteres geht in Richtung Selbstzerstörung, mündet in der letzten Strophe in Todessehnsucht. Hahn: Das lyrische Ich rechnet ab, mit der Beziehung aber auch mit sich selbst. Es hat sich in der Beziehung oft selbst belogen, selbst getäuscht, alles getan, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Nun weint es dem Partner keine Träne nach, versinkt aber auch nicht in Selbstmitleid, sondern macht sich von allen falschen Anstrengungen frei, verzeiht sich, dass es überhaupt diese Partnerschaft eingegangen ist und kann jetzt wieder aufatmen und selbstbestimmt leben. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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