Treffpunkt Deutsch 4 - Deutsch Sprachlehre, Schulbuch

Erkundungen saß er stur im Zimmer herum mit jenem leeren Blick, wie ihn Schafe auf der Weide haben, ohne an den Geschehnissen rings um ihn den geringsten Anteil zu nehmen. Während der Pfarrer abends, die lange Bauernpfeife schmauchend, mit dem Gendarmeriewachtmeister seine üblichen drei Schachpartien spielte, hockte der blondsträhnige dumpfe Bursche stumm daneben und starrte unter seinen schweren Lidern anscheinend schläfrig und gleichgültig auf das karierte Brett. Eines Winterabends klingelten, während die beiden Partner in ihre tägliche Partie vertieft waren, von der Dorfstraße her die Glöckchen eines Schlittens rasch und immer rascher heran. Ein Bauer, die Mütze mit Schnee überstäubt, stapfte hastig herein, seine alte Mutter läge im Sterben und der Pfarrer möge eilen, ihr noch rechtzeitig die Letzte Ölung zu erteilen. Ohne zu zögern, folgte ihm der Priester. Der Gendarmeriewachtmeister, der sein Glas Bier noch nicht ausgetrunken hatte, zündete sich zum Abschied eine neue Pfeife an und bereitete sich eben vor, die schweren Schaftstiefel anzuziehen, als ihm auffiel, wie unentwegt der Blick Mirkos auf dem Schachbrett mit der angefangenen Partie haftete. »Na, willst du sie zu Ende spielen?«, spaßte er, vollkommen überzeugt, dass der schläfrige Junge nicht einen einzigen Stein auf dem Brette richtig zu rücken verstünde. Der Knabe starrte scheu auf, nickte dann und setzte sich auf den Platz des Pfarrers. Nach vierzehn Zügen war der Gendarmeriewachtmeister geschlagen und musste zudem eingestehen, dass keineswegs ein versehentlich nachlässiger Zug seine Niederlage verschuldet habe. Die zweite Partie fiel nicht anders aus. Quelle: Stefan Zweig: Die Schachnovelle. Mit Materialien, ausgewählt von Stefan Schäfer. Leipzig: Klett 2013. Erläutert, wie der Text aufgebaut ist. Unterscheidet dabei die beiden verschiedenen Handlungsorte sowie unterschiedlichen Zeiten, die erzählt werden. Bestimme das Tempus der farbig hervorge- hobenen Textstelle. Erläutere, wie das Tempus hilft, die Zeitebenen der Erzählung (vgl. Aufgabe 3) besser zu unterscheiden. Besprecht, ob die beiden Schauplätze auch eine symbolische Bedeutung haben könnten. Lest die Merkebox unten. Diskutiert dann über das Novellenhafte der „Schachnovelle“. 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 100 102 104 106 108 110 112 3 B Dem Raum kommen in einem Erzähltext verschiedene Funktionen zu: • Der Raum ist zunächst Schauplatz bzw. der Ort, an dem ein bestimmtes Ereignis stattfindet. • Der Schauplatz kann dabei die Stimmungslage einer Figur (z.B. Sonnenschein, wenn die Figur selbst heiter und ausgelassen ist) spiegeln; man spricht dann von einem Stimmungsraum. • Wird durch räumliche Gegebenheiten die Thematik bzw. der Inhalt des Erzählten anschaulich gemacht, so spricht man von Symbolraum (z. B. durch Kontraste wie eng/ weit oder oben/unten oder durch besondere landschaftliche Gegebenheiten wie Mauer, Schlucht, Höhle, …). Merke 4 B 5 6 B Novellen sind kunstvolle Erzählungen (von bis zu 100 Seiten). Inhaltlich steht oft ein Ereignis im Mittelpunkt, das von dem normalen Leben stark abweicht (nach Goethe „eine sich ereignete unerhörte [= noch nie gehörte] Begebenheit“). Novellen haben eine geradlinige Handlung und weisen – ähnlich wie ein Drama – einen Höhe- oder Wendepunkt auf. In vielen Novellen kommen Gegenstände vor, die eine symbolische Bedeutung haben (= Dingsymbole) und die immer wieder im Text erscheinen (wie das Schachspiel in der „Schachnovelle“). Merke 135 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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