Vielfach Deutsch 4, Leseheft

Lies den Romanausschnitt aus Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger. Ellen fror. Sie riss die Landkarte von der Wand und breitete sie auf den Fußboden. Und sie faltete aus ihrem Fahrschein ein weißes Papierschiff mit einem breiten Segel in der Mitte. Das Schiff ging von Hamburg aus in See. Das Schiff trug Kinder. Kinder, mit denen irgendetwas nicht in Ordnung war. Das Schiff war vollbeladen. Es fuhr die Westküste entlang und nahm immer noch Kinder auf. Kinder mit langen Mänteln und ganz kleinen Rucksäcken, Kinder, die fliehen mussten. Keines von ihnen hatte die Erlaubnis zu bleiben und keines von ihnen hatte die Erlaubnis zu gehen. Kinder mit falschen Großeltern, Kinder ohne Pass und ohne Visum, Kinder, für die niemand mehr bürgen konnte. Deshalb fuhren sie bei Nacht. Niemand wusste davon. Sie wichen den Leuchttürmen aus und machten große Bogen um die Ozeandampfer. Wenn sie Fischerbooten begegneten, baten sie um Brot. Um Mitleid baten sie niemanden. In der Mitte des Ozeans streckten sie die Köpfe über den Schiffsrand und begannen zu singen. „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“ […], „Häschen in der Grube“ und noch vieles andere. Der Mond legte eine silberne Christbaumkette über das Meer. Er wusste, dass sie keinen Steuermann hatten. Der Wind fuhr hilfreich in ihre Segel. […] Ein Haifisch schwamm neben ihnen her. Er hatte sich das Recht ausgebeten, sie vor den Menschen beschützen zu dürfen. Wenn er Hunger bekam, gaben sie ihm von ihrem Brot. Und er bekam ziemlich oft Hunger. Auch für ihn konnte niemand bürgen. Er erzählte den Kindern, dass Jagd nach ihm gemacht wurde, und die Kinder erzählten ihm, dass Jagd nach ihnen gemacht wurde, dass sie heimlich fuhren und dass es sehr aufregend war. Sie hatten keinen Pass und kein Visum. Aber sie wollten um jeden Preis hinüberkommen. Der Haifisch tröstete sie, wie nur ein Haifisch trösten kann. Und er blieb neben ihnen. Ein U-Boot tauchte vor ihnen auf. Sie erschraken sehr, aber als die Matrosen sahen, dass manche von den Kindern Matrosenmützen trugen, warfen sie ihnen Orangen zu und taten ihnen nichts. Als der Haifisch den Kindern gerade einen Witz erzählen wollte, um sie von ihren traurigen Gedanken abzulenken, brach ein furchtbarer Sturm los. Der arme Haifisch wurde von einer riesigen Woge weit hinausgeschleudert. Entsetzt riss der Mond die 6 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 Ein Romanauszug zu den Themen Verfolgung und Flucht 1948, nur drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erschien Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung. Er erzählt von Angst, Bedrohung, Ausgrenzung, Verfolgung und Hoffnung jüdischer und als „halbjüdisch“ geltender Kinder während der Zeit des Nationalsozialismus. Literarische Texte lesen und interpretieren 33 3 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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