124 4 Emanzipatorische, soziale Bewegungen und Gegenströmungen in Österreich, Europa und der Welt 4.1 Anti-Atomkraft-Proteste damals und heute Wusstest du, dass … … die österreichische Physikerin Lise Meitner und ihr Neffe Otto Frisch 1939 zum ersten Mal die Kernspaltung beschrieben? Als Jüdin floh Meitner 1938 nach Schweden, Frisch blieb ab 1939 im Exil in Großbritannien. … 1958 der Automobilkonzern Ford ankündigte, einen atomaren Kleinwagen zu entwickeln, der nicht mit Benzin oder Diesel, sondern mit Kernbrennstoff betrieben werden sollte? … die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ihren Sitz in Wien hat? … es in Österreich ein Atomkraftwerk gibt, das nie in Betrieb ging? … sich in einer Entfernung von 150 Kilometern ab der österreichischen Grenze 12 aktive Atomkraftwerke befinden? … die „INES“-Skala (International Nuclear and Radiological Event Scale) in sieben Stufen atomare Un- und Störfälle dokumentiert? … im April 2023 das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz ging, nachdem 12 Jahre zuvor der Atomausstieg des Landes beschlossen worden war? Die Atomkraftgegner/innen stellen sich aber nicht nur gegen den Bau und den Betrieb von AKWs sowie gegen Atomtests und -waffen. Mittlerweile geht es vielmehr auch um die Entsorgung und (End-)Lagerung von radioaktiv verstrahltem Abfall. Die Halbwertszeit von manchen Stoffen beträgt immerhin bis zu mehr als eine Million Jahre. Für diesen Zeitraum muss ihre sichere Lagerung gewährleistet sein (s. S. 119). M1: Dimitar Dilkoff: Die verlassene Stadt Pripyat nahe dem AKW Tschernobyl. Fotografie, 29.5.2022 Die Anti-Atomkraft-Bewegung entwickelte sich ab den 1950er-Jahren. Zu dieser Zeit gingen die ersten Atomkraftwerke (AKWs), die auf die Erzeugung von Strom für kommerzielle Zwecke ausgerichtet waren, ans Netz. Parallel dazu war die Weltgemeinschaft noch mit den Nachwirkungen der Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im August 1945 durch die USA beschäftigt. Hier war erstmals aufgezeigt worden, welch eine zerstörerische Wirkung Atomkraft haben kann. Die Entwicklung der Atomkraftwerke fand in dieser Zeit vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Weiterentwicklung von Atomwaffen statt. Bekanntheit erlangte beispielsweise das Bikini-Atoll, wo die USA in den 1940er- und 1950er-Jahren Atomwaffentests durchgeführt hatten. Die Bewohner/innen der Inselkette waren zuvor ausgesiedelt worden und leben bis heute im Exil. Zweifel an der friedlichen Nutzung der Kernenergie kamen auch 1962 auf, als die Welt durch die „Kubakrise“ kurz vor einem Atomkrieg zwischen den Weltmächten USA und UdSSR stand. Die Zerstörkraft der Kernenergie zeigte sich bei den bisher schwersten Reaktorunfällen in den AKWs von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011). Beide Katastrophen werden als Stufe-7-Störfälle qualifiziert. Das bedeutet, dass die AKWs nicht mehr kontrollierbar waren, es zur Kernschmelze kam und stark radioaktives Material austrat. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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