131 Wissenschaftlerin Katajun Amirpur: Das Kopftuch – Symbol der iranischen Geschichte Das Kopftuch bzw. der Tschador sind vermutlich die häufigsten Assoziationen, die mit Iran verbunden werden. Die obligatorische Kopfbedeckung für iranische Frauen ist zu einem Symbol der islamischen Republik geworden, die im Jahr 1979 als neue Staatsform des Iran ausgerufen wurde. Tatsächlich steht die ‚Bedeckung‘ der Frau in direktem Zusammenhang mit der Geschichte der Emanzipation in Iran. Bereits 1936 wurde sie zum Streitpunkt und sollte die iranische Gesellschaft spalten. Reza Schah [der Vater von Mohammad Reza Pahlavi] wollte sein Land mit allen Mitteln modernisieren — auch äußerlich. Deshalb wurde den iranischen Frauen gesetzlich verboten, ein Kopftuch zu tragen. Die Staatsmacht ordnete in der folgenden Zeit an, den Frauen auf der Straße das Tuch vom Kopf reißen zu lassen. […] Allerdings waren von der Kleiderordnung auch Männer betroffen: sie wurden gezwungen, Turban und Kaftan abzulegen und europäische Anzüge zu tragen (vgl. Chehabi 1993). […] 1978 zogen viele iranische Frauen ein Kopftuch an, als sie auf die Straße gingen, um gegen die politische Unterdrückung durch das Schah-Regime zu demonstrieren. Das Kopftuch war zum Symbol für ihren Protest geworden. Insgesamt spielten die Frauen eine entscheidende Rolle beim Sturz des Schahs. Allerdings nicht nur und nicht in erster Linie die Frauen, die aus den erwähnten politischen Gründen ein Kopftuch anzogen. Die Iranerin Nikki Keddie beschreibt in ihrem Buch Roots of Revolution (1981, 248), dass die überwältigende Mehrheit der Frauen bei den Demonstrationen von 1978 Bazari-Frauen mit Tschador waren, Frauen also, die den Tschador immer trugen und immer getragen hatten. Sie hätten an den Trauerprozessionen für ihre im Widerstand gegen die Despotie des Schahs gefallenen Söhne und Männer teilgenommen — so wie die schiitische Tradition dies vorschreibt. Doch nun bekamen diese Prozessionen noch eine andere Bedeutung; sie nahmen den Charakter von politischen Kundgebungen und Demonstrationen gegen die ungerechte Herrschaft an. […] Mit dem Sieg der Revolution kehrte ihr Führer, Ayatollah Khomeyni, aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück, und was folgte, war eine Umkehrung der Geschichte: nun wurden Frauen per Gesetz gezwungen, Kopftuch und Mantel zu tragen. Wieso selbst viele emanzipierte Frauen Ayatollah Khomeyni zu ihrem Führer wählten, ist wahrscheinlich ebenso schwer zu beantworten wie die Frage, wieso er von so vielen Demokraten unterstützt wurde. […] Frauenrechtlerinnen […] verweisen zur Erklärung auf die „Wirren der Revolution“ und Khomeynis extrem aufgeschlossene und demokratische Äußerungen in den letzten Monaten vor der Revolution. Bekanntlich erfüllte er seine Versprechungen nicht. Im Gegenteil! Für die Frauen bedeutete dies: ihnen wurde nicht nur die „Verhüllung“ verordnet; das neue System formulierte auch das Familienrecht im Geiste des islamischen Gesetzes, wie es die neuen Machthaber verstanden. Nun wurde das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht geschiedener Frauen für ihre Kinder eingeschränkt, das Mindestalter für die Verheiratung von Mädchen auf neun Jahre herabgesetzt, Polygamie wurde erlaubt, die Frau hatte sich dem Willen des Mannes zu beugen, und ohne seine Erlaubnis durfte sie weder außerhäuslich arbeiten noch das Land verlassen (vgl. Mir-Hosseini 1993, 1996). M2: Amirpur: Emanzipation trotz Kopftuch, 2003, S. 214–215. Jetzt bist du dran: 1. Beschreibe den Auszug aus der Graphic Novel (M1) genau. Achte auf Bild und Text und wie diese beiden Elemente in Verbindung stehen. 2. Arbeite aus dem Autorentext heraus, welche Informationen dir helfen, um den Graphic-Novel-Ausschnitt zu verstehen. Notiere dir Fragen, die sich für dich ergeben bzw. im Autorentext nicht beantwortet werden. 3. Lies den wissenschaftlichen Text genau durch. Recherchiere Informationen und Begriffe, die dir nicht klar sind, die du aber benötigst, um den Text zu verstehen. Beantworte mithilfe des Textes deine Fragen zum Graphic-Novel-Ausschnitt. 4. Stelle die Graphic-Novel-Darstellung nun dem wissenschaftlichen Text gegenüber. Gehe dabei besonders auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede ein (z.B. Schreibperspektive, Stilmittel/Schreibstil, wie sehr Gefühle ausgedrückt werden etc.). Fasse deine Ergebnisse übersichtlich zusammen. 5. Vergleiche die Ergebnisse mit einem Klassenkollegen oder einer Klassenkollegin. Diskutiert, inwiefern literarische Genres (z. B. Graphic Novels) geeignet sind, um historische Inhalte zu vermitteln. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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