Alles Geschichte! 8, Schulbuch

51 unterstützten diesen nicht gebilligten Streik (= wilder Streik). Um den weiter anwachsenden Streik zu beenden, wurde dieser von der Regierung als kommunistischer Putschversuch dargestellt. Der SPÖ-Gewerkschaftsführer Franz Olah organisierte zusätzlich Arbeitergruppen, um Streikende aus den Betrieben zu vertreiben. Erst im Jahr 2015 arbeitete der ÖGB den Vorfall auf. Die aufgrund des Streiks entlassenen kommunistischen Funktionäre und Arbeitnehmer/innen wurden vom ÖGB in der Folge nachträglich rehabilitiert. Im Jahr 1957 etablierte sich die Paritätische (= zahlenmäßig gleiche) Kommission für Lohn- und Preisfragen, die sich aus den vier Sozialpartnern und Vertretern und Vertreterinnen der Regierung zusammensetzte. Dem Prinzip des Proporzes (s. S. 20) folgend, waren damit Vertreter/innen der ÖVP (aus WKO und LK) und Vertreter/innen der SPÖ (aus ÖGB und AK) in diesem Gremium gleich stark repräsentiert. Ziel war es, durch Verhandlungen die Gehalts- und Preissteigerung zu koppeln. Diese Vorgangsweise blieb bis zum Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (EU) nahezu unverändert. Bis in die 1990er-Jahre war der Einfluss der Sozialpartner auf die Politik sehr groß. Mit dem Beitritt zur EU 1995 wurde die österreichische Sozialpartnerschaft in europäische Dachverbände integriert. Seither werden viele Angelegenheiten der Interessenverbände auf EU-Ebene entschieden. Die Situation der Sozialpartnerschaft heute Die Sozialpartner sind weiterhin in die Ausverhandlung der jährlichen Kollektivverträge eingebunden und bieten ihren Mitgliedern ein umfassendes Service- und Beratungsangebot. Formen atypischer Beschäftigung nehmen in den letzten Jahren massiv zu: Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigungen, Befristungen, freie Dienstverträge und Leiharbeit bringen große Probleme für die Arbeitnehmer/innen mit sich. Betroffen sind vor allem Frauen. Geringer Verdienst bei Teilzeitbeschäftigung oder Geringfügigkeit, Überlastung durch die Kombination von mehreren Jobs sowie Arbeitslosigkeit zwischen den Dienstverhältnissen und bei Leiharbeit führen letztlich zur Altersarmut der Betroffenen. Die Historikerin Brigitte Pellar zur Lage der Sozialpartnerschaft (2023) Als Instrument für kurzfristige Krisenintervention ist die Sozialpartnerschaft also in Österreich wieder weitgehend unbestritten, darüber hinaus wird sie aber vielfach als überlebt eingestuft und von Anhänger/innen wirtschaftsliberaler und rechter Ideologien prinzipiell abgelehnt. […] Ohne Berücksichtigung und ständige Einbeziehung der Interessen der Vielen, die in unterschiedlicher Form auf abhängige Arbeit angewiesen sind, werden sich aktuelle und zukünftige Krisen nur mit Beschädigung der Demokratie bewältigen lassen. Eine „Sozialpartnerschaft neu“ zu gestalten wäre deshalb wohl keine schlechte Idee. M2: Pellar: Sozialpartnerschaft #3 – Sozialstaat und Sozialpartnerschaft in der Zweiten Republik, 3.2.2023, https://www.awblog.at (29.4.2025). Streik: Vergleich Österreich – international In der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK), die von Österreich 1958 unterzeichnet wurde, werden die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit inklusive der Bildung von Gewerkschaften garantiert. Artikel 8 des UN-Sozialpaktes, der seit 1978 in Österreich gültig ist, gewährleistet ein Streikrecht, womit Streiks in Österreich erlaubt sind. Obwohl in Österreich gerade in den letzten Jahren der Streik als Mittel des Arbeitskampfes zugenommen hat, streikten die österreichischen Arbeitnehmer/innen im europäischen Vergleich sehr wenig. M3: Jährliche Streiktage pro 1000 Beschäftigten in ausgewählten Ländern Europas im Durchschnitt 2014–2023 (Frankreich: nur Privatsektor; Spanien ohne Generalstreiks; UK: ohne 2020, 2021; Portugal: ohne öffentliche Verwaltung) (Quelle: WSI) IE: 15 UK: 31 NL: 21 BE: 107 DE: 21 PL: 16 FI: 93 SE: 1 NO: 37 FR: 102 ES: 41 PT: 10 CH: 2 AT: 4 SK: 0 DK: 15 Jetzt bist du dran: 1. Beschreibe die Atmosphäre des Streiks von 1950, wie sie auf dem Foto M1 dargestellt ist. 2. Nimm Stellung zu der Aussage von M2. Wäre eine „Sozialpartnerschaft neu“ eine gute Idee? 3. Beurteile anhand der Daten in M3 die Wirksamkeit der Sozialpartnerschaft in Österreich. Diskutiere Vor- und Nachteile der Sozialpartnerschaft. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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