sprachreif, Schreibkompetenztraining 1: Argumentative und appellative Textsorten

7 1.2 — Bausteine erfolgreichen Schreibens Beispiel für eine Meinungsrede einer Schülerin (gehalten im Jugend-Redewettbewerb 2024, WIENXTRA Schulevents), transkribierte, gekürzte Originalfassung: Johanna Reiter Wissen wir, was wir tun? Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte meine Rede gerne mit einer kurzen Geschichte beginnen, einer Geschichte von einem Mädchen, nennen wir sie Sophie. Sophie ist vierzehn Jahre alt und ist auf dem Weg zur Schule. In ihrer Hand, wie immer, ihr Handy. Ein ständiger Begleiter. Ihre Bildschirmzeit hat sie schon längst abgestellt. Sie will nicht wissen, wie viel sie wirklich am Handy ist. Es ist ihr nicht wirklich wichtig. Alle sind so viel am Handy, es ist normal. Anstatt dass sich Sophie mit diesem Problem beschäftigt, scrollt sie lieber auf TikTok oder sie snappt mit ihrer besten Freundin oder sie liked Storys auf Instagram. Wenn es zu Hause wieder einmal kracht, flüchtet sich Sophie in ihre Onlinewelt und schaltet auf Durchzug. Nur ihr WLAN, das lässt sie an. Denn auf ihrem Account ist sie perfekt. Keine streitenden Eltern und auch keine unreine Haut. Und wenn Sophie dann doch einmal ihr Handy weglegt, streamt sie Serien auf Netflix oder spielt Computerspiele. […] Sie denken sich vielleicht, das war eben nur eine fiktive Geschichte, fern von der Realität. Aber was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass es dieses Mädchen, Sophie, dass es sie wirklich gibt? Sie sitzt sogar unter uns. Sie ist eine von uns. Sie ist unauffällig, angepasst, aber vor allem ist sie online. Kinder verbringen von klein auf Zeit mit technischen Geräten, bekommen mit drei ihr erstes Tablet und mit sechs ihr erstes Handy. Und wäre die Onlinezeit so schon nicht hoch genug, stieg sie durch Corona noch drastisch. […] Aufgrund so hoher Bildschirmzeiten und der andauernden, auf technische Geräte hinuntergebeugten Haltung sind Nacken- und Rückenschmerzen schon in jungen Jahren keine Seltenheit. Außerdem führe Blaulicht, das Licht, das von elektronischen Geräten wie Handy oder Laptop ausgeht, zu verheerenden Schäden unserer Netzhaut und dadurch zu Sehproblemen, warnten Forscher der US Universität Toledo im Fachmagazin Scientific Reports bereits im Sommer 2018. Weiters mache uns Blaulicht erwiesenermaßen unruhig und aufgrund der Störung unseres inneren Tag-Nacht-Zyklus wird eines der lebenswichtigsten Dinge unseres Körpers, der Schlaf, gestört. […] Eine weitere besorgniserregende Studie des Cincinnati Children‘s Hospital Medical Center aus den USA zeigte, dass bei Kindern, die eine zu hohe Bildschirmzeit für ihr Alter hatten, weniger weiße Schicht im Gehirn vorhanden war. Die weiße Schicht heißt Myelin, eine Fettschicht der Axone der Nervenzellen, die die Informationsübertragung im Gehirn beschleunigt. Vor allem der Bereich, der für die Entwicklung der Sprache zuständig ist, war besonders betroffen. Also auf gut Deutsch: Kinder, die zu viel Zeit auf digitalen Medien verbringen, entwickeln ihre Sprache langsamer beziehungsweise bekommen Sprachprobleme. Außerdem geht durch die Zeit, die Kinder vor ihren technischen Geräten verschwenden, Zeit verloren, die frühere Generationen für echtes, körperlich betontes Spiel verwendeten. Diese Zeit wäre jedoch unbedingt notwendig für die Grobmotorik und die Entwicklung der sozialen Kompetenzen. […] Und neben diesen ganzen Auswirkungen des zu hohen Konsums leidet außerdem die Psyche des Menschen. Kinder leben nicht in der Realität, sie leben in fiktiven Welten irgendwo im Internet, wo man mit Pistolen andere Menschen abknallt, wo Menschen durch Filter bearbeitet wurden und dadurch keinen einzigen Pickel und den perfekten Körper aufweisen. Doch das ist nicht die Realität. Und das zu verstehen, zu verinnerlichen, wird in Zukunft eine der größten Herausforderungen für die nachfolgenden Generationen werden. […] Wissen wir, was wir da tun? Wissen wir, sind wir uns bewusst, dass wir unseren Augen, unserer Konzentrationsfähigkeit, unserer psychischen Gesundheit, uns selbst durch die im Internet verbrachte Zeit schaden? Die Antwort auf diese Frage lautet wohl nein. Vielleicht ahnen manche von uns, dass der zu hohe Konsum verwirrende Nachwirkungen haben wird, aber viele von uns unterschätzen das. Dabei bezweifle ich, dass die Folgen digital verbrachter Zeit sich überhaupt auf die genannten Beispiele beschränken werden. Ganz im Gegenteil. Ich bin davon überzeugt, dass die Folgen noch weitaus gravierender sein werden, als wir uns vorstellen und dass wir unseren Konsum noch bereuen werden, dass wir wünschten, unsere Eltern hätten uns früher öfter unser Handy oder unser Tablet weggenommen. Und genau deshalb möchte ich an Sie, an euch, an uns alle appellieren: […] Wir sind die, die unsere Bildschirmzeit und die unserer Mitmenschen kontrollieren könnten. Die, die sich mit geliebten Menschen im echten Leben treffen könnten, anstatt ihnen nur eine kurze Nachricht zu schreiben. Die, die an die frische Luft gehen könnten, anstatt einen weiteren Tag nur in ihren Zimmern herumzusitzen. Wir könnten so viel, nur der Punkt ist: Können ist zu wenig. Daher, sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie es uns auch tun. Lassen Sie uns unsere Handys einmal weglegen und den Blick wieder in die reale Welt richten. Lassen Sie uns wieder in die Augen unserer Familie und Freunde schauen und nicht am Ende des Tages nur ins blaue Licht. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! quelle: https://www.youtube.com/watch?v=jghbjiB0cjo; 13.03.2025; Transkription der Rede: Maria-Rita Helten-Pacher (teilweise gekürzt) Mehr Infos zum jährlich stattfindenden Wettbewerb: https://www.wienxtra.at/ schulevents/redewettbewerb (13.3.2025) 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 100 102 104 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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