sprachreif, Schreibkompetenztraining 2: Analytische und interpretatorische Textsorten

47 3.2 — Die Textanalyse Ein solches Teilthema bezeichnet man als Motiv. Für die Beantwortung der Frage, wer in einem epischen Text wie erzählt, leistet die Unterscheidung gute Dienste, ob der Erzähler außerhalb oder innerhalb der erzählten Welt steht. Davon hängt ab, ob er eine Distanz zum Erzählten einnimmt oder selbst Teil der Handlung ist.1 Eine weitere Differenzierungsmöglichkeit betrifft die Form des Erzählens: Der Erzähler erzählt von sich selbst (= Ich-Form), von Dritten (= Er-Form) oder Angesprochenen (= Du-Form). Diese drei Formen des Erzählens unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, in welchem Verhältnis der Erzähler zur Welt steht, von der er erzählt: In der Ich-Erzählung ist er ein Teil von ihr. Der Ich-Erzähler kann in der Handlung die Haupt- ebenso wie eine Nebenrolle einnehmen. Hilfreich kann es in diesem Zusammenhang sein, wenn Sie zwischen dem „erzählenden Ich“ und dem „erzählten Ich“ unterscheiden. In Du-Erzählungen kann mit dem Du der Erzähler selbst, die Leserin/der Leser oder eine Figur gemeint sein. Der Erzähler einer Er-Erzählung gehört nicht der erzählten Welt an. Dies gilt nur für die Figuren, von denen er in der dritten Person erzählt. Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Beschreibung erzählender Texte betrifft das Erzählverhalten, in dem der Erzähler das Erzählte darstellen kann. Er kann sich kommentierend äußern, indem er das Verhalten einer Figur bewertet, sich direkt an die Leserin/den Leser wenden oder grundsätzliche Überlegungen über das Erzählen anstellen. Ein solcher allwissender Erzähler verfügt nicht nur über umfassendes Wissen, sondern weiß auch um die Gedanken und Gefühle der Figuren bestens Bescheid (= auktoriales Erzählen). Das personale Erzählverhalten ist dadurch gekennzeichnet, dass das Geschehen, die Gefühle und Gedanken so dargestellt werden, als ob sie von einer beteiligten Figur stammen würden. Deren Innenleben breitet sich also vor dem Leser detailliert aus. Mittel dazu sind der innere Monolog und die erlebte Rede. Gedankenankündigungen mit entsprechenden Verben sind daher häufig. Neutrales Erzählen zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Erzähler nicht kommentierend zwischen das Erzählte und die Leserin/den Leser drängt, sondern das äußere Geschehen möglichst objektiv und sachlich wiedergibt. Sie finden diese Art des Erzählens überall dort, wo Figuren miteinander ohne Einmischung des Erzählers einen Dialog führen. Der Erzähler kann zum Erzählten räumlich und zeitlich mehr oder weniger Abstand haben: Der erste Fall tritt dann auf, wenn er das erzählte Geschehen sowohl räumlich als auch zeitlich überblickt, die Vorgeschichte kennt, um die zukünftigen Ereignisse weiß und nicht den Überblick verliert, obwohl die Schauplätze der Handlung vielleicht weit auseinander liegen. Im zweiten Fall steht der Erzähler mitten im Geschehen. Daher ist sein Wissensstand mit jenem der Figuren gleich. Er hat keinen Überblick über das Geschehen. Der Erzähler kann zum Erzählten unterschiedliche Einstellungen erkennen lassen. Er kann sich mitfühlend, kritisch, ironisch … zeigen. Wenn das Geschehen hauptsächlich aus der Sicht des Erzählers wiedergegeben wird, so spricht man als Darstellungsart vom Erzählerbericht und der Erzählerrede. Jene Passagen eines Textes, in denen die Figuren zu Wort kommen und darlegen, was sie denken und fühlen, werden als Personenrede bezeichnet. Hinsichtlich der Kategorie Zeit muss zwischen der erzählten Zeit und der Erzählzeit unterschieden werden. Die erzählte Zeit umfasst die Zeit der Handlung. Die Erzählzeit ist die Zeit, die notwendig ist, um die Geschichte zu lesen oder vorzulesen. Die Ereignisse können chronologisch oder achronistisch dargestellt werden. Im ersten Fall hält sich der Erzähler an die zeitlich korrekte Reihenfolge, im zweiten heben Rückblenden oder Vorausdeutungen diese auf. Das Tempo der Erzählung kann mit Hilfe der Begriffe zeitdeckendes, zeitraffendes und zeitdehnendes Erzählen charakterisiert werden. Von einem zeitraffenden Erzählen spricht man dann, wenn die Erzählzeit kürzer ist als die erzählte Zeit. Sind erzählte Zeit und Erzählzeit (annähernd) gleich, spricht man von einem zeitdeckenden Erzählen. Dauert der Vortrag der Geschichte länger als die erzählte Zeit, so liegt zeitdehnendes Erzählen vor. Der Erzähler kann eine Zeitspanne in der Darbietung überspringen (= Aussparung), in die Zukunft voraus- oder in die Vergangenheit zurückblicken (Vorausdeutung/Rückblende). Die erzählte Welt ist vor allem auf die Funktion der Räume hin zu analysieren: Räume können als Handlungsräume unterschiedliche Lebenswelten von Figuren charakterisieren, sie können aber auch zum Stimmungsraum werden – denken Sie etwa an die beschworene düstere Atmosphäre eines nächtlichen Waldes in einem Krimi. Grundbegriffe zur Analyse erzählender Texte auf einen Blick — Autorin/Autor; Erzähler — Stoff, Geschichte — Thema, Motiv — Position des Erzählers gegenüber der erzählten Welt — Formen des Erzählens — Erzählverhalten — Distanz des Erzählers — Einstellung des Erzählers zum Erzählten — Zeitbehandlung — Funktion des Raumes 1 Bei diesem literaturwissenschaftlichen Fachbegriff wird in dem folgenden Abschnitt auf eine gendergerechte Sprache verzichtet. Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv

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