Erkundungen Am liebsten hätte ich die ganze Bande vom Geländer geschubst und zugesehen, wie sie im Wasser zappelten wie übergroße Insekten … Natürlich tat ich nichts dergleichen. Stattdessen versuchte ich ihr Starren zu ignorieren. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, mir war ein wenig schwindelig. „Du bist neu hier, oder?“, fragte einer der Jungs schließlich und unterbrach damit die unangenehme Stille. Ich musste mich wohl oder übel umdrehen. Aha, das war also der Häuptling der Eingeborenen! Er sah eigentlich nicht schlecht aus: drahtige, sportliche Figur und braune Locken. Ich schätzte ihn auf etwa achtzehn. Irgendwie kam mir der Typ bekannt vor, da war was mit seinen Augen … Hellblaue Augen, die im Sonnenschein plötzlich aufblitzten. Dieselben Augen wie die der alten Frau im Garten! Ob sie seine Großmutter war? „Ich glaube, wir sind Nachbarn“, sagte er. „Mein Bruder Jan“ – dabei deutete er mit dem Kinn auf einen schlaksigen Typ mit schulterlangen hellen Haaren, der aussah, als würde er gleich vom Geländer kippen – „und ich haben euch heute Morgen beim Ausladen gesehen.“ In der nachfolgenden Stille taxierten wir uns gegenseitig. Vermutlich sollte jetzt der Teil kommen, in dem ich mich freundlich vorstellte, erzählte, aus welcher Stadt es mich hierher verschlagen hatte und so weiter. Aber ich schwieg. Ich hatte nicht mit seiner Hartnäckigkeit gerechnet. „Ich bin übrigens Alex. Alex Steinflösser“, sagte er und hielt mir die Hand hin. Die altmodische Begrüßung verblüffte mich so, dass ich sie automatisch erwiderte. Sein Händedruck war warm und fest. Ich ließ schnell wieder los. „Und wie heißt du?“ Der Typ hatte eindeutig zu viel Selbstbewusstsein. Ich blies ihm Zigarettenrauch ins Gesicht, doch er ließ sich selbst davon nicht abschrecken. „Mm“, machte er und schnupperte. „Vanille?“ Als er mich anlächelte, erschienen winzige Grübchen in seinen Wangen. Solche, auf die man am liebsten den kleinen Finger legen würde. Er wusste das sicher genau – ein richtiger kleiner Provinz-Casanova. Wahrscheinlich erwartete er, dass ihm gleich alle weiblichen Wesen an die Brust sanken, wenn er diesen Trick mit den Grübchen machte. Aber da lag er bei mir falsch! Ein plötzliches Gefühl von Wut wallte in mir auf. Ich wollte es ihm zeigen, diesem selbst ernannten Dorfkönig, oh ja! Ich wollte dieses ruhige Gesicht aus der Fassung bringen, diese Zufriedenheit mit sich und seiner kleinen Welt wegwischen. „Ach, kennt man so was bei euch auch? Vanille?“ Meine Stimme hörte sich selbst in meinen Ohren zu scharf, zu sarkastisch an. Er lachte einfach nur. „Ja, stell dir vor. Bei uns gibt’s mehr, als du vielleicht denkst. Wenn du willst, kann ich dir mal ein paar Sachen zeigen. Du weißt ja, wo ich wohne.“ Entweder war das die dümmste Anmache, die ich je gehört hatte, oder der Kerl war einfach scheißfreundlich. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. „Mal sehen“, murmelte ich achselzuckend und wandte mich zum Gehen. Ich versuchte nicht zu schwanken, obwohl mir noch immer schwindelig war. Das kam bestimmt von der Sonne. „Hey, ich weiß immer noch nicht, wie du heißt!“, rief Alex mir nach. „Mia!“, rief ich über die Schulter zurück. „Ich heiße Mia.“ […] Quelle: Marlene Röder: Im Fluss. – Ravensburger Taschenbuch 2009. Besprecht in der Klasse: Was erfährt man über das Mädchen? Ist euch diese Figur sympathisch oder nicht? 30 32 34 36 38 40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 100 102 104 106 108 4 C 137 Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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