78 3.4 — Offener Brief (keine SRDP-Textsorte) Sprache Ein offener Brief weist folgende sprachliche Kennzeichen auf: – Ich- oder Wir-Botschaft – Adressat/in wird direkt angesprochen – das Anliegen wird klar und deutlich und für alle Leser/innen verständlich vorgebracht – Einsatz von rhetorischen Mitteln – Zuspitzung und Ironie in Maßen erlaubt – unterschiedliche Formen von Appellen – trotz mitunter notwendiger Direktheit sind die Formen der Höflichkeit unbedingt zu wahren Umfang Medien stellen zur Veröffentlichung nur einen begrenzten bzw. vorgegebenen Platz zur Verfügung. Die vorgegebene Wortanzahl soll eingehalten werden. Beispiele für verwandte Textsorten Leserbrief, Plädoyer, Aufruf, Flugblatt, Blog, Leserkommentar, Gegendarstellung, Erörterung. Lesen Sie den folgenden offenen Brief. Anrede Erläuterungen Nennung des Schreibanlasses; Widerspruch zum Lob; Argument („widerspricht …“) Beispieltext offener Brief Offener Brief zur ORF-Sendung „Blick in die Sterne“ Sehr geehrte ORF Programm-Direktorin Stefanie Groiss-Horowitz, wir schätzen Ihr Engagement für Programme, die Ihre Zuschauer*innen den Wundern des Kosmos näherbringen wollen. Eine Sendung über die Pseudowissenschaft Astrologie ist dafür allerdings leider nicht geeignet und widerspricht in unseren Augen dem Bildungsauftrag des ORF. Wir Astrophysiker*innen, Astronom*innen und Kosmolog*innen verbringen unsere Tage damit, das Universum zu erforschen und bemühen uns täglich, unseren Studierenden wie auch der Öffentlichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse und insbesondere auch die Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens näherzubringen. Astrologie hingegen bedient sich keiner wie auch immer gearteten wissenschaftlichen Methodik. Ihre Aussagen entbehren jeglicher Grundlage und haben nicht den geringsten Erkenntniswert. Der Astrologie im ORF Platz zu geben, legitimiert eine Pseudowissenschaft, insbesondere wenn dies noch mit falschen Zitaten echter Wissenschaftler*innen geschieht (im aktuellen Fall ein grob falsches Zitat von Albert Einstein, der sicher kein Unterstützer der Astrologie war). Dies ereignet sich in einer Zeit und einem Land, in dem im internationalen Vergleich eine ungesunde und unbegründete Wissenschaftsskepsis besteht (es gibt genügend Studien dazu, z.B. Eurobarometer 2010 und 2018). Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem ORF, kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Sein Bildungsauftrag sollte mithelfen, Verständnis für die Erfolge, den Nutzen und die Arbeitsweise der Wissenschaft und Forschung in Österreich zu wecken. Astrologiesendungen machen genau das Gegenteil … Auch wenn sich Astrolog*innen gerne übermäßig selbstbewusst äußern, sind ihre Vorhersagen nicht besser als der reine Zufall (siehe https://www. clearerthinking.org/post/can-astrologers-use-astrological-charts-to-understand-people-s-character-and-lives-our-new-study-pu). Sie widersprechen jeglicher physikalischer Einsicht und Erkenntnis. 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 Einleitung: Einstieg mit Wir-Botschaft, direkte Anrede an die Adressatin, Lob/ Wertschätzung Darlegung des persönlichen Bezugs zum Thema: „Wir …“ Gegensatz („hingegen“); scharfe kritische Aussage Hauptteil 1: Ausführung der Kritik durch Hinweis auf falsches Zitat und Berufung auf wissenschaftliche Studien Absicherung der Kritik durch Berufung auf gesetzlichen Auftrag des ORF (Bildungsauftrag) Schlussfolgerung Hauptteil 2: Untermauerung der vorangegangenen Aussagen durch Hinweis auf wissenschaftliche Studie Nur zu Prüfzwecken – Eigentum des Verlags öbv
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