Am 2. Juni kamen Lehrkräfte zusammen, um Input über psychische Gesundheit im Klassenzimmer zu bekommen und sich auszutauschen.
Die psychische Belastung im Schulalltag ist hoch – für Lehrkräfte wie für Schüler*innen. Daher widmete sich der öbv dem Thema mit einem Bildungstalk.
Zunächst stellte Christoph Helm, Leiter der Abteilung für Bildungsforschung der Linz School of Education (Johannes Kepler Universität) die Ergebnisse einer Studie vor, die öbv und JKU gemeinsam durchgeführt hatten. Was daran überraschte: Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte fühlen sich durch ihre Arbeit psychisch stark beansprucht. Aber das führt nicht dazu, dass sie mit ihrem Leben unzufrieden sind: Trotz hoher beruflicher Belastung sind 71 Prozent der Lehrpersonen mit ihrem Leben sehr oder eher zufrieden. Das unterstreicht, wie ausgeprägt die Resilienz vieler Lehrkräfte ist – offenbar können sie die unzähligen täglichen Herausforderungen hervorragend abfedern. Mehr Details zur Studie finden Sie in den Präsentationsfolien.
Als nächstes folgte ein Podiumsgespräch mit Katharina Wenk (Lehrerin im Mittelschulbereich der LG15, Wien), Laurenz Scholz (Schüler und Mitglied des öbv-Jugendbeirats), Susanne Eichhorn (PH-Lehrende und Mentaltrainerin) sowie Golli Marboe (Journalist und Gründer der Mental Health Days).
Wie nehmen die Schüler*innen selbst das Thema psychische Gesundheit wahr? Der öbv-Jugendbeirat wünscht sich hinaus, dass der Leistungsdruck, die Menge an Hausübungen und die Dichte der Schularbeiten reduziert werden. Das sei für die meisten Schüler*innen sehr belastend. Laurenz Scholz berichtet, dass an seiner Schule der Leistungsdruck nicht so hoch sei und sie Unterstützung bekämen: „Uns haben die Lehrkräfte geholfen, wie wir in den Prüfungsphasen weniger gestresst sein können.“
Es ist ihm aber wichtig, dass Smartphones nicht zu sehr verteufelt werden. Natürlich gebe es negative Effekte, aber Jugendliche nutzen das Handy auch für viele positive Dinge. Und manchmal sei es einfach ein wirksamer Coping-Mechanismus.
Katharina Wenk teilt die Einschätzung des Jugendbeirats: Viele Schüler*innen seien durch Leistungsdruck und Noten belastet. Die Schule könne hier einiges tun, um die Belastung zu senken.
An ihrer Schule gibt es außerdem dezidierte Unterrichtseinheiten rund um psychische Gesundheit, die sogenannten „Glücksstunden“. Die Kinder arbeiten dabei regelmäßig über viele Jahre hinweg mit ihren Gefühlen und Stärken. Sie nehme sich außerdem mit ihrer Klasse zu Unterrichtsbeginn eine Minute, um anzukommen und zu erspüren, wie es allen gerade geht. Danach zeigen die Schüler*innen eine rote, gelbe oder grüne Karte und es gibt einen Moment, damit einige benennen können, was los ist und was sie brauchen. So bemerke sie auch, wenn es einem Kind etwa schon seit einigen Tagen nicht gut geht.
Golli Marboe fordert fordert unter anderem, dass ab der Schule die Pubertät erst um 9 Uhr beginnen solle – es sei wissenschaftlich erforscht, dass der Schulstart für Jugendliche zu früh sei. Susanne Eichhorn empfiehlt zum einen, dass Lehrkräfte auf ihre eigene psychische Gesundheit schauen sollten. Wenn es ihnen selbst gut geht, können sie auch die Schüler*innen besser begleiten. Sie fragt: „Trauen wir den Schüler*innen etwas zu oder schaffen wir negative self-fulfilling prophecies?“
Neben den Schüler*innen sind auch die Lehrkräfte belastet. Laurenz Scholz gibt zu bedenken: „Wir kriegen sofort mit, wenn es Lehrkräften nicht gut geht. Wir würden uns wünschen, dass sie das mehr ansprechen.“ Das habe Vorbildwirkung: Wenn Lehrkräfte das thematisieren, eröffnen sie einen Raum und Schüler*innen lernen, dass es in Ordnung ist, darüber zu sprechen, wenn es ihnen nicht gut geht.
Katharina Wenk setzte sich ebenfalls dafür ein, dass es kein Zeichen von Schwäche sei, zu teilen, wenn es einem als Lehrkraft selbst nicht gut gehe und erzählt von einer Situation, in der ihre Klasse sich sehr still und rücksichtsvoll verhielt, weil sie Kopfschmerzen hatte. Für sie sind Schüler*innen nicht der Grund für die Belastung: „Meine Schüler*innen rauben mir nicht Energie, sondern geben mir Energie.“ Administrative Tätigkeiten hätten jedoch in den letzten Jahren zugenommen. Für sie macht es jedoch einen großen Unterschied, ob Lehrkräfte in einem Team arbeiten, das sich gegenseitig unterstützt. An ihrer Schule sei keine Lehrkraft Einzelkämpfer*in.
Golli Marboe fordert: „Wir müssen gemeinsam an einem positiven gesellschaftlichen Klima arbeiten.“ In Österreich werde oft auf das geschaut, was falsch laufe. Es sei aber auch wichtig, den Blick dafür zu schärfen, was bereits gut läuft. Verschiedene Leistungsniveaus seien natürlich eine Herausforderung. Er wehrt sich jedoch dagegen, dass heterogene Klassen negativ gesehen werden: „Die Heterogenität macht unsere Gesellschaft aus.“ Welche Veränderungen brauche es, damit die Belastung der Lehrkräfte sinke? Golli Marboe fordert: Es brauche eine bessere Kommunikation mit den Bildungsdirektionen, regelmäßige Supervisionsangebote und mehr Möglichkeiten, sich innerhalb der Schule weiterzuentwickeln. Auch unterschiedliche Dienstverträge seien Gift für die Gemeinschaft im Kollegium. Wenn Menschen für dieselbe Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, sorge das immer für Irritationen. Er sagt aber auch: „Ich nehme besonders viel Druck durch die Erziehungsberechtigten wahr – sowohl von Helikoptereltern als auch solche, die von der Schule erwarten, das Kind zu einem ‚fertigen Menschen‘ zu machen.“ Lehrkräfte könnten nicht statt der Eltern die Erziehungsarbeit übernehmen.
Susanne Eichhorn nimmt wahr: „Obwohl Lehrkräfte sehr belastet sind, sind viele Einzelne extrem engagiert.“ Sie ist überzeugt, dass es strukturelle Veränderungen braucht, teilt jedoch auch einige Tipps, wie Lehrkräfte in der Zwischenzeit bereits durch kleine Gewohnheiten ihre Resilienz stärken können. Sie nimmt wahr, dass in den Lehrkräftezimmern häufig ein kollektives Jammern stattfinde, das niemandem guttue. Sie plädiert dafür, sich Verbündete zu suchen: Wer will an meiner Schule gemeinsam mit mir etwas verändern?
Im Schulalltag gebe es zu wenig Pausen. Gerade daher sei es wichtig, sich davor und danach zehn Minuten ruhe zu gönnen – zum Beispiel ein kurzer Spaziergang ganz ohne Handy. „High Performance braucht Pausen“, stellt sie fest. Wenn das Cortisol immer hoch sei, erschöpfe das auf Dauer. Aber Zeit mit elektronischen Medien akzeptiere das Gehirn nicht als Pause. Ein weiterer Tipp: eine Minute zu lächeln. Sie weiß: „Das aktiviert erwiesenermaßen Energie und sorgt für ein positiveres Mindset. Wer sich dabei blöd vorkommt, kann ja einfach das Handy ans Ohr nehmen und so tun, als sei man in einem Telefonat.“
Im Publikumsgespräch wurde dann debattiert, woher überzogener Leistungsdruck komme – insbesondere, wenn Lehrkräfte sich ohnehin Mühe gäben, ihn zu verringern. Die Eltern seien dabei ebenfalls ein wichtiger Faktor. Am kontroversesten wurde wohl die Frage diskutiert, ob es legitim sei, Perfektionismus als Übel einzustufen und zu vermeiden. Ein Diskussionsteilnehmer war der Meinung, damit arbeite man gegen Leistungsbereitschaft an. Einigkeit herrschte jedoch darüber, dass es wichtig sei, realistische Ziele zu setzen, die auch erreicht werden könnten.
Am Ende blieb auch noch genügend Zeit für die Lehrkräfte, sich bei Snacks und Getränken miteinander auszutauschen. Zur Verabschiedung bekamen sie ein druckfrisches Whitepaper des öbv zum Thema „Mental Health im Klassenzimmer“ mit nach Hause. Das Whitepaper ist auch online kostenlos verfügbar.
Fotos: Barbara Wirl / Wirlphoto