Wie können Lehrkräfte ihre Resilienz stärken und Burnout vorbeugen? Darüber spricht Michaela Ziegler von der PH Wien im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.
Der Schulalltag fordert Lehrkräfte auf vielen Ebenen – fachlich, emotional und organisatorisch. Zwischen Unterricht, Verantwortung und ständig neuen Anforderungen geraten die eigenen Bedürfnisse oft in den Hintergrund. Dabei sind Stress, Erschöpfung und Burnout längst Themen, die viele im Bildungsbereich betreffen. Wie können Lehrkräfte resilient bleiben? Woran erkennt man Überlastung frühzeitig? Und was hilft dabei, im Beruf langfristig gesund zu bleiben? Darüber spricht Philipp Nussböck in dieser Folge von #KlasseZwanzigZukunft mit Michaela Ziegler, Hochschullehrende an der Pädagogischen Hochschule Wien.
Michaela Ziegler hat selbst 25 Jahre lang in Wiener Volksschulen unterrichtet und arbeitet heute mit angehenden Lehrkräften. Sie kennt die Belastungen des Berufs aus eigener Erfahrung und forscht heute wissenschaftlich dazu. Im Gespräch mit Philipp Nussböck erklärt sie: Was macht den Lehrberuf so anspruchsvoll? Wann wird Stress zur echten Gefahr? Und was kann das Schulsystem tun, um seine Lehrkräfte besser zu schützen?
Gleich zu Beginn stellt Michaela Ziegler klar: Stress ist nicht per se ein Problem. Der Körper ist auf Belastungsphasen ausgelegt und kann sie gut verkraften, solange er danach auch wirklich zur Ruhe kommt. Maturaphasen, intensive Schulstarts oder herausfordernde Klassen: Das alles ist bewältigbar, wenn die Ressourcen stimmen.
Problematisch wird es erst dann, wenn die Entspannung ausbleibt. Wenn Lehrpersonen über Wochen und Monate nicht aus dem Hochleistungsmodus herausfinden, akkumuliert sich der Stress und irgendwann potenziert er sich. Genau dort beginnt der Übergang von normalem Berufsstress zu einem Burnout.
Burnout ist kein Modewort, betont Michaela Ziegler – auch wenn der Begriff heute oft leichtfertig verwendet wird. Es handelt sich um potenzierten, chronischen Stress, der dann entsteht, wenn Erschöpfung nicht mehr durch Erholung ausgeglichen werden kann. Und das Tückische daran: Der Körper sendet zunächst keine klaren Stoppsignale. Im Gegenteil, oft engagieren sich Lehrkräfte erst einmal noch stärker, um alle Anforderungen erfüllen zu können.
Dieses Paradox kennen viele Lehrende: Der innere Anspruch treibt sie an, noch mehr zu geben – genau dann, wenn die Reserven längst aufgebraucht sind. Der Körper bleibt im Dauerstress, ohne je in eine echte Erholungsphase zu kommen.
Der Lehrberuf bringt einige spezifische Risikofaktoren mit sich, die ihn von anderen sozialen Berufen unterscheiden. Michaela Ziegler nennt im Gespräch mehrere davon:
Arbeit mit Kindern: Anders als in der Arbeit mit Erwachsenen gibt es in der Volksschule keinen Moment der Ruhe. Lehrkräfte sind von der ersten bis zur letzten Unterrichtsstunde zu hundert Prozent anwesend – nicht selten auch in den Pausen.
Hohe Eigenansprüche: Viele werden Lehrer*in, weil sie es besser machen wollen als ihre eigenen Pädagog*innen. Dieser Anspruch ist wertvoll – kann aber auch zur Falle werden.
Verwaltungsaufwand: In allen Studien wünschen sich Lehrkräfte mehr Zeit fürs eigene Unterrichten. Testungen, Listen, digitale Dokumentation. Das allesfrisst Zeit, die eigentlich für die Schüler*innen gebraucht wird.
Dazu kommt die Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern, die Herausforderung durch ständig neue Anforderungen und das Gefühl, gesellschaftlich wenig Wertschätzung zu erfahren. Letzteres betrifft besonders ältere Lehrkräfte, wie Michaela Ziegler aus ihrer Dissertationsforschung berichtet: Je länger jemand im Schuldienst ist, desto stärker empfindet er oder sie das Gefühl, von der Gesellschaft abgewertet zu werden.
Ein zentrales Thema der Folge ist die Frage, wie man Burnout frühzeitig erkennen kann, bei sich selbst, aber auch bei Kolleg*innen. Michaela Ziegler beschreibt eine charakteristische Entwicklung: Zunächst steigert sich das Engagement ins Extreme. Dann, wenn keine Entspannung mehr möglich ist, folgt ein schleichender Rückzug.
Wer früher gerne Tennis spielte, jetzt aber immer absagt, wer Freunde seltener trifft, Familie kaum noch sieht und sich in die Stille zurückzieht, zeigt Verhaltensänderungen, die ernst genommen werden sollten.
Was tun, wenn man das bei Kolleg*innen bemerkt? Michaela Ziegler empfiehlt einen direkten, aber wertfreien Zugang: Hinschauen statt Wegschauen. Ein einfaches „Ich habe das Gefühl, es geht dir gerade nicht so gut. Kann ich irgendwie helfen?" kann mehr bewirken, als man denkt. Ob die betroffene Person das Angebot annimmt, liegt bei ihr. Aber der erste Schritt – das Wahrnehmen und Ansprechen – liegt bei uns allen.
Burnout-Prävention ist nicht nur eine individuelle Aufgabe. Es braucht auch strukturelle Rahmenbedingungen, die Lehrkräfte schützen. Michaela Ziegler nennt hier mehrere Ansatzpunkte, die sie als besonders wirkungsvoll einschätzt. Sie fordert: Schulleitungen brauchen gezielte Ausbildung in Personalführung, Krisenwahrnehmung und Kommunikation. Eine gute Lehrkraft zu sein bedeutet nicht automatisch, auch eine gute Führungsperson zu sein.
Darüber hinaus spricht Michaela Ziegler über:
Sabbaticals und Auszeiten: Wer nach vielen Jahren im Schuldienst eine Pause braucht, sollte diese auch in Anspruch nehmen können.
Flexiblere Strukturen: Die Möglichkeit, Stunden zu reduzieren, die Schule zu wechseln oder – wie in einigen Ländern üblich – als erfahrene Lehrkraft einen Teil der Arbeitszeit forschen oder junge Lehrkräfte begleiten zu dürfen, könnte entlasten.
Verwaltung reduzieren: Mehr Zeit für das eigentliche Unterrichten statt für Dokumentation und digitale Abläufe – das wünschen sich Lehrkräfte in allen Studien, und es ist ein Wunsch, der ernst genommen werden sollte.
Auch kleine Dinge können einen Unterschied machen, wie Michaela Ziegler anmerkt: ein ruhiger Rückzugsraum in der Schule, in dem für zehn Minuten Stille herrscht. Klingt simpel – und doch fehlt er in vielen Schulen.
Was ist Resilienz eigentlich? Und kann man sie erlernen? Ja, sagt Michaela Ziegler, auch wenn es natürlich persönlichkeitsbedingte Unterschiede gibt. Resilienz bedeutet Widerstandskraft: die Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, ohne dauerhaft daran zu zerbrechen. Die Forscherin Emmy Werner hat in diesem Bereich wegweisende Arbeit geleistet und gezeigt, dass stabile soziale Bindungen dabei eine zentrale Rolle spielen. Hinzu kommen konkrete Methoden, sowohl kurzfristige (Atemübungen, kurze Auszeiten im Alltag), als auch langfristige (Sport, soziale Kontakte, bewusste Erholung am Wochenende).
Wichtig ist dabei auch der Umgang mit Veränderungen: Wer bei jeder Neuerung im Schulsystem sofort in eine Abwehrhaltung geht, erschöpft sich unnötig. Offenheit für Veränderungen – auch wenn sie mühsam sind – ist laut Michaela Ziegler selbst ein Resilienzfaktor.
Am Ende jeder Folge von #KlasseZwanzigZukunft fragt Philipp Nussböck nach konkreten Handlungsempfehlungen. Michaela Ziegler nennt drei:
Entspannungstechniken kennenlernen und regelmäßig anwenden: Atemübungen & Co können in akuten Momenten helfen, Sport gibt langfristig Energie zurück. – sei es eine Atemübung für den Akutmoment oder ein Sport, der langfristig Energie zurückgibt.
Veränderungen annehmen, statt zu katastrophisieren: Es hilft, sich bei neuen Anforderungen, neuen Strukturen, neuen Schüler*innengruppen zu fragen: Was kann sogar positive Auswirkungen haben? Was kann ich konstruktiv nutzen? Woran kann ich mich anpassen?
Offen für Weiterbildung bleiben: Wer nach 40 Jahren immer noch dasselbe macht wie am ersten Tag, riskiert irgendwann die Schule von heute nicht mehr zu verstehen oder damit umgehen zu können.
Wie sieht die Schule der Zukunft aus, wenn es um die psychische Gesundheit von Lehrkräften geht? Michaela Ziegler ist vorsichtig optimistisch. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge hat mehr Raum für Persönlichkeitsbildung geschaffen. In der Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Wien setzt sie selbst auf Coaching, Entwicklungspsychologie und Schulpraxis – weil Lehren eben auch mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat.
Gleichzeitig wünscht sie sich mehr Kontinuität: Reformen brauchen Zeit, um zu wirken. Wer jedes Jahr etwas Neues einführt, lässt Lehrer*innen keinen Raum, sich wirklich einzufinden. Und schließlich, das ist Michaela Ziegler besonders wichtig: Lehrkräfte brauchen mehr gesellschaftliche Wertschätzung. Nicht als leere Floskel, sondern als ehrliche Anerkennung dafür, was sie täglich leisten.
Denn wie Philipp Nussböck am Ende der Folge treffend zusammenfasst: Damit Schule Spaß machen kann, für Schüler*innen und Lehrende gleichermaßen, braucht es gesunde Lehrkräfte. Und dafür braucht es die entsprechenden Rahmenbedingungen.
Die ganze Folge finden Sie im Podcast #KlasseZwanzigZukunft – überall, wo es Podcasts gibt!
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