Sind Lehrkräfte Meister*innen der Resilienz? Die brandneue Studie von öbv und Johannes Kepler Universität (JKU) zeigt, wie es Lehrkräften geht und welche Unterstützung sie sich wünschen.
Lehrkräfte stehen unter Druck und sind stark belastet. Das ist in den letzten Jahren immer wieder zu hören. Und natürlich stimmt es. Aber gleichzeitig ist es wichtig, auch eine andere entscheidende Realität anzuerkennen: Lehrer*innen geht es ziemlich gut! Das zeigt die aktuelle Studie von öbv und JKU, für die 2.128 Lehrkräfte aus verschiedensten Schulformen österreichweit befragt wurden.
Ihren allgemeinen Gesundheitszustand bewerten 65 Prozent der Pädagog*innen als positiv. Und auch ihr psychisches Wohlbefinden ist gut: 71 Prozent der Lehrkräfte sind mit ihrem Leben eher oder sehr zufrieden. Besonders positiv sehen sie ihre Beziehungen und ihre Fähigkeit zur Zielerreichung. Aber auch ihr Engagement, ihre Emotionen und ihr Sinnerleben bewerten noch mindestens 75 Prozent als gut. Gleichzeitig weist aber fast ein Drittel der Lehrkräfte hohe Werte bei emotionaler Erschöpfung auf. Das ist offenbar auf den Beruf zurückzuführen: 52 Prozent geben an, durch die Arbeit sehr oder eher psychisch belastet zu sein.
„Unsere Studie zeigt – in Übereinstimmung mit zahlreichen bisherigen Befunden – ein charakteristisches Spannungsfeld: Obwohl sie stark emotional beansprucht sind, ist die Arbeits- und Lebenszufriedenheit der Lehrkräfte durchgehend hoch ausgeprägt“, erklärt Tanja Aistleitner aus der Abteilung für Bildungsforschung an der Linz School of Education (JKU).
Besonders kritisch scheint die Lage bei Lehrkräften der Sonderschule zu sein: 75 Prozent fühlen sich durch ihre Arbeit psychisch belastet. Auch bei positiven Emotionen und Lebenszufriedenheit weisen mehr als doppelt so viele von ihnen niedrige Werte auf wie die Kolleg*innen aus anderen Schulformen.
Die größten Belastungsfaktoren sind dabei administrative Tätigkeiten (68 %), große Klassen (64 %), Heterogenität (63 %), individuelle Förderung (59 %), Schul- und Unterrichtsentwicklungsarbeit (56 %) und ein Mangel an Pausen (56 %). In den Freitextantworten geben viele Lehrkräfte an, dass Unterstützungspersonal fehle, räumliche und organisatorische Rahmenbedingungen unzureichend seien, Konflikte mit Eltern belasteten, Arbeit im Team ungleich verteilt sei und sie gesellschaftliche Wertschätzung vermissten.
„Angesichts all dieser Probleme und der hohen Erschöpfung erstaunt es beinahe, dass die meisten Lehrkräfte trotzdem so zufrieden mit ihrem Leben sind. Offenbar haben Lehrkräfte gut funktionierende Strategien, mit Belastungen umzugehen“, vermutet öbv-Geschäftsführer Philipp Nussböck. In der Tat geben 72 Prozent der Pädagog*innen an, dass ihr Selbstwirksamkeitsempfinden stark dazu beiträgt, die Belastung auszuhalten. Auch Stressbewältigungsstrategien (63 %) und ein gesunder Lebensstil (60 %) sowie gegenseitige Unterstützung unter Kolleg*innen (56 %) wurden als hilfreich empfunden.
„Es ist bewundernswert, dass Lehrkräfte durch ihre persönliche Resilienz so viel ausgleichen, woran es im Schulsystem strukturell fehlt. Mittel- und langfristig ist es jedoch wichtig, dass das System sie angemessen unterstützt“, fordert Philipp Nussböck. Die Lehrkräfte sehen das ähnlich. Rund die Hälfte der befragten Lehrkräfte gab in einem optionalen Freitextfeld bekannt, welche Unterstützung sie sich wünschen. Am häufigsten genannt wurden Supervision und psychologische Begleitung, kleinere und weniger heterogene Klassen, weniger administrativer Aufwand, mehr Unterstützungspersonal, gerechtere Entlohnung und Anerkennung (insbesondere für Korrekturfachlast und Mehrdienstleistungen). Auch eine bessere Work-Life-Balance – durch weniger Korrekturaufwand am Wochenende oder klare Erreichbarkeitsgrenzen –, Rückhalt durch Schulleitung und Politik sowie mehr gesellschaftliche Wertschätzung sind ihnen wichtig.
Neben dem Druck, der auf ihnen selbst lastet, nehmen Lehrkräfte insbesondere an ihren Schüler*innen erhebliche psychische Belastungen wahr: Rund die Hälfte der Lehrkräfte geht davon aus, dass mindestens 40 Prozent ihrer Schüler*innen von psychischen Problemen betroffen und dadurch im Lernen beeinträchtigt sind. In einem Viertel der Klassen dürften es sogar noch wesentlich mehr sein. Fast alle Lehrkräfte (88 %) erleben als Grund dafür Smartphone und Social Media: In ihren Klassen seien mehr als 40 Prozent dadurch psychisch beeinträchtigt. Auch Leistungsdruck (72 %) und mangelnde Unterstützung daheim (73 %) werden als Belastung wahrgenommen. In den Freitextantworten gehen die Lehrkräfte darüber hinaus auch auf fehlende Resilienz- und Konzentrationsstrategien sowie auf Defizite in Bewegung, Schlaf und Ernährung ein.
72 Prozent der Lehrkräfte machen daher Mental Health zumindest gelegentlich in ihrem Unterricht zum Thema. In Sonderschulen geben sogar 43 Prozent der Lehrkräfte an, das häufig zu tun. Darüber hinaus setzt ein Großteil (77 %) der Lehrkräfte Maßnahmen, um die psychische Gesundheit der Schüler*innen zu fördern. Dabei nennen die Pädagog*innen etwa Bewegungs- und Entspannungsübungen, Stressbewältigungsstrategien und Aktivitäten zur Stärkung der Klassengemeinschaft. Außerdem geben sie an, persönliche Gespräche mit belasteteten Schüler*innen zu führen und ein offenes Ohr für sie zu haben. In Sonderschulen ist mit 48 Prozent der Anteil von Lehrpersonen besonders hoch, die dies häufig tun. Neun Prozent der Lehrkräfte wiederum sehen solche Maßnahmen nicht als Aufgabe von Lehrkräften. Weitere 14 Prozent halten das zwar grundsätzlich für ihre Aufgabe, setzen es aber aktuell – mutmaßlich aufgrund von strukturellen, zeitlichen oder inhaltlichen Herausforderungen im Schulalltag – nicht um. Tanja Aistleitner fasst zusammen: „Es ist erfreulich, dass viele Pädagog*innen hin und wieder mit ihren Klassen über Mental Health sprechen. Dies passiert jedoch in der Regel nicht regelmäßig und systematisch – hier sehe ich definitiv noch Verbesserungspotenzial.“
Der gesamte Studienbericht ist auf der Website der JKU zu finden.
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.