OEWB Chefredakteurin Christiane Pabst (c) oebv
OEWB Chefredakteurin Christiane Pabst (c) oebv
Sprache ist mehr als Grammatik und Wortschatz. Sie verrät, woher man kommt, wozu man gehört – und wovon man sich abgrenzen möchte.
Gerade im Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland wird deutlich, wie sehr Nuancen, Begriffe und Tonfälle Teil eines kollektiven Selbstbildes sind. Man versteht einander mühelos – und fühlt sich doch oft erstaunlich verschieden.
Als Österreich nach 1945 seine staatliche Souveränität neu definierte, ging es nicht nur um Grenzen, Institutionen und Verträge. Auch die Sprache rückte in den Fokus. Die junge Republik wollte sichtbar machen, dass sie nicht bloß eine kleinere Variante Deutschlands war, sondern ein eigenständiges Land mit eigener sprachlicher Tradition.
Aus diesem Geist heraus entstand das „Österreichische Wörterbuch“. 1951 erschien die erste Ausgabe – als offizieller Versuch, den österreichischen Wortschatz systematisch zu erfassen und zu normieren. Heute, mehr als sieben Jahrzehnte später, liegt die aktualisierte 44. Auflage vor. Sie ist nicht nur dicker geworden, sondern auch selbstbewusster.
Christiane Pabst, seit 2015 Chefredakteurin des Werks, beschreibt die Grundidee so:
„Wenn eine Gruppe eine gemeinsame Sprache hat, hat sie auch eine gemeinsame Identität.“
Was einst mit rund 23.600 spezifisch österreichischen Stichwörtern begann, ist inzwischen auf etwa 100.000 Einträge angewachsen. Rund die Hälfte davon gilt als genuin österreichisch, der Rest bildet den gesamten im Land gebräuchlichen Wortschatz ab – inklusive Fachterminologie und Bedeutungsvarianten.
Pabst formuliert das unmissverständlich:
© öbv
Die größten Missverständnisse entstehen nicht dort, wo man unterschiedliche Wörter verwendet – etwa Sackerl statt Tüte oder Marille statt Aprikose –, sondern dort, wo dasselbe Wort etwas anderes meint. So bezeichnet der „Chefarzt“ in Deutschland den medizinischen Leiter einer Klinik, in Österreich hingegen einen Funktionsträger der Gesundheitskasse. Solche Bedeutungsdifferenzen sind im Wörterbuch eigens gekennzeichnet.
Ähnlich verhält es sich mit vielen Begriffen aus Verwaltung, Bildung oder öffentlichem Recht. Hinzu kommt eine dritte Ebene: das institutionelle Deutsch der Europäischen Union, in dem vertraute Wörter wie „Verordnung“ eine nochmals andere juristische Bedeutung haben.
Dass Wortwahl keine Nebensache ist, zeigte sich beim EU-Beitritt Österreichs 1995. In einem eigenen Protokoll wurde festgeschrieben, dass spezifisch österreichische Ausdrücke in europäischen Rechtsakten denselben Status haben wie ihre deutschen Pendants.
Legendär ist der Streit um die „Marmelade“, die im österreichischen Sprachgebrauch alles Süße aus Früchten bezeichnet, im EU-Recht jedoch auf Zitrusprodukte beschränkt ist. Seither heißt es im Supermarkt meist „Konfitüre“.
Die auffälligsten Differenzen zeigen sich bis heute beim Essen: Schlagobers und Sahne, Topfen und Quark, Semmel und Brötchen, Melanzani und Aubergine. Doch auch in der Grammatik trennen sich die Wege. Während in Deutschland häufig das Plusquamperfekt verwendet wird, bleibt man in Österreich meist beim Perfekt.
Titel und andere kulturelle Eigenheiten
In Österreich gehören akademische Grade und Amtsbezeichnungen selbstverständlich zum Namen, während Adelstitel seit 1919 verboten sind.
Viele Österreicherinnen und Österreicher empfinden ihre Varietät als minderwertig. Pabst kennt dieses Phänomen gut: „Viele Österreicher*innen empfinden ihre Sprache als nicht gleichwertig mit dem deutschen Deutsch.“
Dabei sei die Lage eindeutig:
Die Pandemie wirkte wie ein Turbo für neue Wörter. Begriffe wie Impfstraße, Impfneid oder Covid-19 fanden rasch Eingang ins Wörterbuch.
Selbst grammatische Feinheiten wurden plötzlich öffentlich diskutiert. In Österreich sind sowohl „der Virus“ als auch „das Virus“ korrekt. Dennoch setzte sich in den Medien vielfach die neutrale Form durch. Pabst kommentiert:
„So funktioniert aber auch Sprachgeschichte.“
Unter Pabsts Leitung wurde das Wörterbuch auch inhaltlich neu akzentuiert. Diskriminierende Begriffe werden markiert, sensible Alternativen empfohlen.
Pabst fasst ihre Haltung so zusammen:
„Man soll nicht nur geschlechtersensibel sprechen, sondern der Umgangston ist insgesamt eine Frage des Respekts, und das ist modeunabhängig.“
Mit der 44. aktualisierten Auflage wird dieser Anspruch nochmals erweitert: Sie enthält nicht nur neue Begriffe und Bedeutungen, sondern auch sämtliche Änderungen der seit Herbst 2025 geltenden neuen Rechtschreibung. Damit bleibt das Wörterbuch nicht nur ein Spiegel der Vergangenheit, sondern ein verlässlicher Kompass für die sprachliche Gegenwart und Zukunft Österreichs.