Wir haben einen der Schwerpunkttage zu psychischer Gesundheit besucht, den die Mental Health Days für die ganze Schulgemeinschaft veranstalten. Wie läuft so etwas ab?
„Wer hat sich heute Morgen schon die Zähne geputzt?“, fragt die Moderatorin Theresa Fuchs. Die Schüler*innen schauen sich etwas irritiert an, alle Hände gehen nach oben. „Und wer von euch hat heute schon kurz darüber nachgedacht, wie es euch heute geht?“ Die Jugendlichen blicken betreten in die Runde, nur sehr vereinzelt heben sich Hände. „Das ist doch irgendwie komisch, oder? Um unsere körperliche Gesundheit kümmern wir uns ganz selbstverständlich, aber auf unsere psychische Gesundheit schauen wir nicht so genau.“
Am BG/BRG Biondekgasse in Baden finden heute die Mental Health Days statt. Gerade sind rund 90 Schüler*innen der vierten Klassen im Festsaal versammelt. Für sie geht es heute um das Thema Leistungsdruck. Das Team der „Mental Health Days“ hat gemeinsam mit ihrem wissenschaftlichen Beirat acht Themen definiert, die sie mit den Schüler*innen besprechen. „Wir fokussieren uns auf die Themen, die in extremis zum Suizid führen können“, erklärt Sebastian Marboe, „wir sind im Kern ein Suizidpräventionsprogramm.“ Nach einem kurzen Video-Einstieg ins Thema kommt der Psychotherapeut Johann Kneihs zu Wort, der die Session begleitet: „Es ist ein Unterschied, ob ihr mit einer Person aus eurem Umfeld redet oder mit einer ausgebildeten Person wie mir. Ich bin neutral und habe keine Meinung dazu, was für euch das Richtige ist – eure Eltern vielleicht schon. Ich darf auch nichts weitererzählen – nicht einmal der Polizei, wenn ihr etwas Strafbares gemacht habt. Und ich habe jahrelang gelernt, wie man Menschen in einer Krise begleitet.“
Auf einer Präsentationsfolie stehen vier Rechnungen. Was fällt den Jugendlichen auf? „Vier mal neun ist nicht 38!“, erkennt jemand. „Drei der Rechnungen sind richtig“, sagt eine andere Person. „Genau – ich bin begeistert. Dass die meisten Aufgaben richtig gelöst sind, fällt sehr selten auf“, erklärt Theresa Fuchs, „wir lernen in der Schule oft, auf Fehler fixiert zu sein, und merken manchmal gar nicht, was schon gut ist!“
VsUM
Zwischendurch geben die Schüler*innen Antworten in einer Online-Umfrage. Auf die Frage, was ihnen Druck macht, werden „Schule“, „Lehrer“, „Tests“, aber auch „Familie“ am häufigsten genannt. Sebastian Marboe erklärt: „Durch die Umfragen können wir die Schüler*innen einbeziehen, ohne dass immer dieselben zu Wort kommen. Sie merken dann: Andere sehen das genauso wie ich.“ Und sollte man perfekt sein wollen? Viele Jugendlichen klicken auf „Ja“. Johann Kneihs gibt zu bedenken: „Der Wunsch, perfekt sein zu wollen, ist ein Rezept, unglücklich zu werden. Wenn man perfekt sein will, wird man auf jeden Fall scheitern; es wird immer irgendetwas nicht gelingen.“ Sie lernen eine Atem- und Wahrnehmungsübung kennen, die sie z. B. bei Prüfungsangst einsetzen können.
Später beschäftigen sich andere Schüler*innen mit Sucht, Depression, Suizid und Angst. Zu jedem Thema gibt es ein veranschaulichendes Video sowie Interview-Snippets von Promis, die mit dem Thema Probleme haben oder hatten. Es werden Symptome und Risikofaktoren besprochen, und die Jugendlichen lernen, wie sie reagieren können, wenn sie selbst oder andere von dem Thema betroffen sind.
„Ihr habt Recht: Die gefährlichste Droge der Welt – wenn man sich die Auswirkungen anschaut – ist Alkohol“, bestätigt Theresa Fuchs und erklärt: „Von Alkoholmissbrauch sprechen wir, wenn wir unsere Emotionen mit der Substanz managen.“ Wem würden die Schüler*innen davon erzählen, wenn sie vermuten, süchtig zu sein? Ein Teil würde sich Freund*innen oder Erziehungsberechtigten anvertrauen. Etwa die Hälfte gibt aber auch an: „Niemandem.“ Eine Präventionsstrategie für Sucht kann es sein, bewusst zu genießen. Und das kann man lernen: Gemeinsam macht der Jahrgang eine Übung, bei der sie einen Keks ganz bewusst essen und mit verschiedenen Sinnen wahrnehmen.
„Depression funktioniert wie eine Abwärtsspirale: Ich fühle mich niedergeschlagen, habe keine Lust, etwas zu unternehmen. Dadurch habe ich keine positiven Erlebnisse, und meine Stimmung wird noch schlechter“, erklärt Theresa Fuchs. Helfen können Psychotherapie und in schweren Fällen zusätzlich Medikation. Der Großteil der Schüler*innen ist in der Umfrage überzeugt, dass moderne Antidepressiva körperlich abhängig machen. „Das ist ein Vorurteil“, erklärt die Psychotherapeutin Emilie Drexler-Wagner, „Antidepressiva machen nicht süchtig. Sie stellen das Gleichgewicht im Gehirn wieder her, das verloren gegangen ist.“
„Das ist eigentlich der Grund, warum es die Mental Health Days gibt“, sagt Theresa Fuchs und erklärt, dass Golli Marboe die Initiative gegründet hat, nachdem einer seiner Söhne sich das Leben genommen hat. Suizid ist die zweithäufigste Todesursache unter Jugendlichen, Männer über 50 Jahren sind aber noch deutlich häufiger von Suizid betroffen. Die Schüler*innen lernen, dass Suizidalität ein Hilfeschrei ist, der unbedingt ernst genommen werden muss: „Betroffene wollen normalerweise nicht sterben, sie wollen nur so nicht weiterleben.“
Was löst bei den Schüler*innen Angst aus? Am häufigsten wird „schlechte Noten“ angekreuzt, aber auch Krankheiten, Geldsorgen und Mobbing kommen vor. Viele der Jugendlichen hatten entweder selbst schon eine Panikattacke oder haben eine bei anderen miterlebt. Sie lernen, dass eine Angststörung vorliegt, wenn die Angst nicht mehr im Verhältnis zu der Gefahr steht, sondern Überhand nimmt. Aber: „Wenn man sich Hilfe holt, kann man das sehr gut behandeln und Strategien finden, die gut funktionieren.“
„Der wichtigste Mensch in deinem Leben bist du selbst“ steht groß auf einer der Abschlussfolien in den Sessions. „Das mag egoistisch klingen, ist es aber nicht“, erklärt Theresa Fuchs, „das ist wie im Flugzeug mit den Sauerstoffmasken: Nur wenn es dir selbst gut geht, kannst du auch für andere da sein.“ Die Jugendlichen bekommen drei Aufträge mit auf den Weg: Beim Zähneputzen auch kurz über ihre Psyche nachdenken, jemandem sagen „Ich hab dich gern“ und die Flyer mit den Anlaufstellen und Hilfsangeboten mitnehmen. „Für die Mental Health Days hat die Telefonseelsorge ihren Chat heute bis 23 Uhr geöffnet“, tönt es aus dem Schlussvideo, während die Achtklässler*innen sich aus dem Festsaal drängen.
Demnächst beginnt die Session für die Lehrkräfte, am Abend gibt es einen Input für Erziehungsberechtigte. „Das machen wir zur Bedingung, um an eine Schule zu kommen“, erklärt Sebastian Marboe, „wir wollen die ganze Schulgemeinschaft erreichen.“ Für Lehrkräfte geht es darum, für sich selbst zu sorgen und sich bei Bedarf abzugrenzen. Sie sollen nicht die psychischen Probleme der Schüler*innen lösen, sondern ihnen nur helfen, sich anderswo Hilfe zu suchen. Mit Eltern wird darüber gesprochen, wie leicht sie versehentlich Leistungsdruck an ihre Kinder weitergeben – und wie es gelingen kann, psychische Gesundheit und Therapie zu entstigmatisieren. Am nächsten Tag stehen für die Erst- bis Drittklässler*innen noch Mobbing, Körperbild und Handysucht auf dem Programm. Ein prägnanter Satz des heutigen Tages wird sich bestimmt auch dann wiederholen: „Wer sich Hilfe sucht, ist stark, extrem stark. Aber meistens warten wir damit ein bisschen zu lange.“
Die Mental Health Days sind ein österreichweites Präventionsprogramm an Schulen zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ziel ist es, psychische Gesundheit zu enttabuisieren, frühzeitig zu stärken und den Zugang zu Hilfsangeboten
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.